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Kasachstan Trilogie II
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Auf der Suche nach einem 14m Wasserfall stehen die Jungs von kayakussr.com an einer Abbruchkante. Doch ist es der Fall? Der Tentek verschwindet in einem Loch und wird von Links nach Rechts gepeitscht. Keine Umtrage, also springen?! Kasachische Erstbefahrungen getrieben von Pioniergeist und der Lust am Bootfahren, auch der zweite Teil der Trilogie gibt wunderbare Einblicke in das Herz eines russischen Bootsfahrers.
 
Der Kaljir

Die Straße zum Kaljir verläuft süd-westlich der Stadt Ust-Kamenogorsk. Wir fuhren durch ein Tal und überquerten den Bahtorminskoe-Stausee, der vom Irtysh, dem größten kasachischen Fluss, gespeist wird. Die Überfahrt in den Sonnenuntergang hinein wird uns für immer ein unvergessliches Bild leiben. Doch es wurde schnell dunkel in der Kazakh-Halbwüste, und wir schlugen unser Nachtlager etwas abseits der Straße auf, nachdem wir uns einige Male verfahren hatten. Es mag niemanden überraschen, dass wir um sieben Uhr morgens schweißgebadet aus den Zelten flohen: die weiße Wüstensonne brannte bereits erbarmungslos hinab.
Kasachstan Fähre
Quelle: kayakussr.com
 
Wir befanden uns in einer absolut flachen und verlassenen Gegend, in der Dornbüsche und ein paar Flecken gelben Grases die einzige Anzeichen von Leben darstellten. Der Horizont flimmerte vor Hitze und wir kamen uns vor als wären wir geradewegs auf dem Mars gelandet.
 
Kasachstan Wiese
Quelle: kayakussr.com
 
Wir packten zügig und fuhren weiter. Den Oberlauf des Kaljir zu erreichen ist mühsam, wir verbrachten einen halben Tag damit, eine Vielzahl von Abzweigungen zu erkunden, die in der Regel im Nichts endeten. Die steinige Piste kostete uns eine Menge Reifengummi und auch Teile des Unterbodens unseres Toyota Minivan. Schließlich erreichten wir das Ende der Bergkette, die über den hochgelegenen Markokol-See und den Kaljir entwässert. Jenseits des Passes fuhren wir zu dem Plateau hinab, an dem der Fluss seine Durchbruchstrecke bildet, ein Abschnitt, der angeblich ein einziges Mal mit speziellen sibirischen Rafts befahren worden war. Aber der Kaljir sollte ja nicht unsere erste und hoffentlich auch nicht unsere letzte Erstbefahrung mit Kajaks werden. Nun gut, unsere einzige Vorsichtsmaßnahme war, Artem an Land zu lassen.
 
Obwohl strauch- und baumlos, zweifelsohne eine der schönsten Landschaften des Planeten: das Land ist bedeckt von endlosen Grasland mit leuchtenden Inseln aus Mohnblumen und Schwertlilien. Es ist lediglich von ansässigen Stämmen besiedelt, die in ihren Yurten in unmittelbarer Nähe ihren Kühe, Pferde und Kamele leben. Wir freundeten uns mit einer Hirtenfamilie an. Vasilii holte anderthalb Liter Neunzigprozentigen heraus – ein Überbleibsel unser voranggegangenen Rodeo-Tour -, um im Auto Platz für Wasser zu schaffen. Den Hirten erzählte er, wir würden den Schnaps nicht mehr brauchen und sie könnten ihn haben. Die Flasche ging rasch zur Neige und die Hirten kamen in Stimmung.
Kasachstan Wiese
Quelle: kayakussr.com
 
Uns wurde die Ehre zuteil, neben ihrer Yurte schlafen zu dürfen. Die Jungs zeigten uns noch einen guten Angelspot, „für den Notfall“, und gaben uns sogar noch eine Angelrute mit. Der Linok, ein Verwandter der Taimen-Fische (eine Huchenart), hat zartes, rosa Fleisch, ist bis zu einem halben Meter lang – und beißt bei jedem Wurf an. Wir fingen auch einen großen Harius.
 
Am folgenden Tag gingen wir paddeln. Nach einem leichten Eingangskatarkt fanden wir uns in einem imposanten Durchbruch wieder. Die Strecke war aufgrund von Felsen und Bäumen oft auf ganzer Breite unpassierbar. Zwei syphonierte Felsstürze waren auch ohne Bäume unfahrbar. Wir umtrugen 200 Meter dieses Infernos und paddelten bei gleichbleibendem Gefälle weiter. Ich spürte die Nachteile meines Dickschiffes in diesem kniffligen Wildwasser, in dem es auf Wendigkeit und die Fähigkeit sich mit einem Schlag vom Acker machen zu können ankam. Wenn mein Bug von einer Welle versetzt wurde, verfing sich das Heck sogleich in einem brodelneden Loch. So muss sich eine Insekt auf einem dieser klebrigen Fliegenfänger vorkommen.
Bald erreichten wir einen Wasserfall. Wir filmten und paddelten weiter.
Kasachstan Kanjir
Quelle: kayakussr.com
Antonio Ogorelcev
 
Kasachstan Tomass Marnics
Quelle: kayakussr.com
Tomass Marnics
 
Nachdem uns Vasilii versicherte hatte, dass wir an den Schlangen und Zecken , die uns im Falle eines Hike Out auf der Hochebene erwartet hätten, vorbei waren, kam ein riesiger Katarakt. Einige Bäume lagen quer und die Ausgangsstufe war von einem Felsen verlegt.
 
Doch es war möglich, sich über die Welle vor dem Prallpolsters des Felsens durchzuschummeln und dann über eine anderthalb Meter hohe Stufe in ein rettendes Kehrwasser zu boofen. Eine furchterregende und gefährliche Stelle, die letzlich machbar war. Es kamen noch weitere Hindernisse, doch wir umtrugen nicht mehr. Bis zur einzigen interessante Stelle des unteren Kaljir, ein Abschnitt angeblich so steil wie der Durchbruchs (50m/km), wären es 40 Kilometer WW 2 gewesen. Wir beschlossen zum Basislager zurückzukehren. Wir trugen hinaus und trafen erneut Hirten, die wir samt ihre Pferde anheuerten. Da nur eins der Pferde keine panische Angst vor den Kajaks hatte, musste dieses drei Boote tragen. Das vierte Boot ging in den Armen eines Reiters auf die Reise. Wir erreichten die Hochebene und über Blumenwiesen die Yurten und schließlich unser Fahrzeug.
Kasachstan Kanjis
Quelle: kayakussr.com
 
 
Der Tentek
Um zum Tentek zu gelangen, fuhren wir im Grenzgebiet zu China, welches nur fünf Kilometer entfernt hinter dem südlichen Kamm des kasachischen Altai-Gebirges liegt. Der Fluss selbst bildet dann die Grenze mit riesigen gelben Bergen auf der chinesischen Seite, die aussehen wie Sanddünen. Ob die Farbe eine Laune der Natur ist oder ob die Chinesen aus patriotischen Gründen alles gelb angemalt haben, wir wissen es nicht.
 
Kasachstan Raupe
Quelle: kayakussr.com
 
Kasachstan Tenktek
Quelle: kayakussr.com
Vasilii warnte uns vor den durchgeknallten Uniformierten entlang dieser Straße. Und tatsächlich wurden wir nicht nur jede Menge Schmiergeld los, diese wahnsinnigen kasachischen Militärposten kosteten uns auch enorm viel Zeit. Einmal mussten wir den ganzen Bus ausladen, damit ein Spürhund alles nach Drogen absuchen konnte. Den Schock vom Schnuppern an Vasiliis Trockentasche hat das die Tier wohl bis heute nicht überwunden. Wir erreichten den Fluß nachts. Wir stellten das Bier im Wasser kalt und grillten den zuvor gefangenen Fisch. Es hätte so schön sein können, wäre da nicht der Stress der „IT-Party“, mit dem Ziel eine Internetverbindung herzustellen und der Welt diese Geschichte zu verkünden, gewesen.
 
Die Schwierigkeiten in der Schlucht des Tentek hängen maßgeblich von der Wassermenge ab. Da wir bei unserem Eintreffen lediglich sehr moderate, geschätzte 35 Kubik vorfanden, nahmen wir Artem, unser Nachwuchsmann, mit auf den Bach, damit dieser mal wieder seine Grenzen ausloten konnte. Die erste Stromschnelle war, obwohl nach der russischen Skala mit 6A bewertet, sehr überschaubar. Niemandem kam der Gedannke, man könne hier etwas Aufregendes erleben. Schließlich umtrug Artem auch nur eine Stelle, deren Befahrung wir immerhin für würdig befanden dokumentiert zu werden: lustige Rückwärtsüberschläge, kesse Boofs und all der Kram, der üblicherweise auf Film gebannt wird. Wir kamen so flott voran, dass unser Shuttlefahrzeug beinahe nach uns am Ausstieg angelangt wäre.
 
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
 
Auf der Tagesordnung des folgenden Tages stand die vierte Schlucht des Tentek, mit einem zu umtragenden, 14 Meter hohen Wasserfall. Wir mussten dabei auf Vasilii, unseren umsichtigen Leitwolf, verzichten, da er, aufgrund der vielen zu erwartenden Strassenkontrollen in dieser Gegend, das auf ihn zugelassene Auto auch selbst fahren musste. In Kasachstan darf man nämlich, genau genommen, andere Leute Fahrzeuge nur mit einer offiziellen Bescheinigung fahren. Es muss auch nicht extra erwähnt werden, dass Vasiliis bärenhafte, behaarte Statur in bestimmten Situationen mehr Eindruck hinterlässt als das dürre Elend, das unser Fahrer abgab.

Der erste Abschnitt bis zum Zusammenfluß mit einem weiteren Arm des Tentek war ziemlich leicht. Das bislang trübe Wasser, auf dem wir die ganze Zeit gepaddelt waren, traf nun auf smaragdgrünes Wassers. Dies ergab nicht nur kurzfristig einen zweifarbigen Fluss, ehe sich die Farben vermischten, es bedeutete auch die doppelte Wassermenge. Wir hielten schon länger nach dem Wasserfall Ausschau, doch bislang hatte sich alles als fahrbar herausgestellt.

Dann sahen wir, etwa einen Kilometer nach dem Zusammenfluss ein Naturspektakel vor uns: Das komplette Wasser verschwand in einem gerade mal einen Meter breite Schlitz zwischen zwei Felsen über eine Kante nach unten. Flankiert wurde diese beeindruckende Gebilde von einer zitternd pumpendenen Gischt in den Farben des Regenbogens.
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
 
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
 
Wir konnten einfach nicht sehen, ob es sich um besagten Wasserfall handelte oder nicht. Was wir sahen, war ein aus dem Schlitz herausstehender Stein, unter dem alles Wasser durchfloss, um dann auf einen weiteren Stein zu treffen und schließlich, zwischen den Wänden des Schlitzes hin und her zu schiessen. Es gab keine Umtragemöglichkeit. Wir kletterten überall herum und fanden als einzig mögliche Variante die, von der Abruchkante in den Schlitz und auf das Felsband, auf dem der zweite Stein lag, zu springen. Der Weg hinab über den glattpolierten Fels, ebenso wie das bloße Stehen darauf , war nichts für schwache Nerven.
 
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
 
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
Eine einzige Tollpatschigkeit auf dem von grünem Schleim bedeckten Fels, würde zu einem Sturz in einen fürchterlichen Abgrund führen. Der Lärm des Falles und die in tiefer Frequenz vibrierende Luft drückte uns fast die Schädel ein.

Wir teilten uns zu Dritt zwei Snickers, sahen uns an und machten uns bereit für den Sprung. Das Felsband war zum Glück recht eben und auch groß genug, um auch den dritten und letzten von uns samt Boot aufzunehmen. Wir setzten uns in die Kajaks und fielen etwa fünf Meter tief in weiches Wasser und kämpften uns, da wir uns unsicher waren, ob dies schon der komplette Fall gewesen war, durch Strudel und Pilze zum nächstmöglichen Felsvorsprung.
 
Die weitere Strecke schien, dem Augenschein nach, zwar enorm mächtig, aber frei von Wasserfällen zu sein. Von unserem Standpunkt aus sah sie leicht, ja fast banal aus. Ein paar Löcher, Kehrwässer, größere Wellen. Doch in der dritten Stufe bereute ich, dass ich, vor lauter Wasserfall-Aufregung, vergessen hatte, wie man eine Stromschnelle gewissenhaft analysiert. Enorme Wassermassen prügelten auf mich ein, die Löcher waren Hütten, Busse, Mehrfamilienhäuser, und als ich mit großen Augen dieses Schlachtfeld passierte, sah Tom in einer Unterspülung zwischen zwei riesigen Walzen verschwinden. Nach einer Weile tauchte er gegen Ende des Katarakts auf, und Antonio wies ihn per Handzeichen auf die richtige Linie für die mächtige Abschlusswalze ein.
 
In seinen Bemühungen traf er noch eine vorgelagertes Loch, in welchem ich ihm kurz darauf auch noch Gesellschaft leistete. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich mich nach dem Hochrollen in einer gastfreundlichen, rückläufigen Unterspülung wiederfand. Trotz massiver Gegenwehr zog es mich weiter unter die Wand und gänzlich unter Wasser. Kaum mehr Luft in den Lungen, verließ ich das Boot und krallte meine abbrechenden Fingernägel in die Felswand, um nach oben in ablaufendes Wasser zu gelangen. Nach einer halben Ewigkeit riss mich die Strömung fort. Obwohl ich mich am Ende der sich beruhigenden Stromschnelle befand, gelang es mir zunächst nicht aufzutauchen. Die Strömung entließ mich erst nach einigen Dutzend Metern an die Oberfläche.
Kasachstan Tentek
Quelle: kayakussr.com
 
Kasachstan Haare schneiden
Quelle: kayakusssr.com
So fühlen sich also 65 Kubik ohne 300 Liter Auftrieb unter dem Hintern an. Beim Versuch anzulanden, merkte ich erst, dass ich noch mein Paddel in den Händen hielt. Ich warf es ans Ufer und schwamm halb bewußtlos vor Luftmangel ins nächste Kehrwasser. Wieder bei Atem, sah ich mich um. Meine Freunde signalisierten mir, dass das Boot noch in der Unterspülung sei. Wir warten eine Viertelstunde auf eine freiwillige Herausgabe - ohne Ergebnis. Dann beschloß Antonio, sein Boot hochzutragen, an den Rand der Wand zu paddeln und zu versuchen mein Kajak herauszuziehen. Doch ehe er dazu kam, lies die Strömung einen kurzen Moment nach, und mein Boot trieb langsam aus der Unterspülung heraus, direkt in meine Hände.


Der Shuttle wartete nicht am Ende der vierten Schlucht. Wir mussten also auch noch die fünfte Schlucht paddeln. Sie ist allerdings nur fünf Kilometer lang, mit einem schweren Abschnitt, der wiederum richtig Spaß macht: 65 Kubik fallen in einen enge Passage, in der Fische von Stufe zu Stufe flußauf springen, und der Paddler sich daran labt, permanent sanft in den Hintern getreten zu werden und zwischen den Wänden dieses riesigen Kessels hin und her zu fliegen.An der Pegelbrücke am Ende der letzten Schlucht sahen wir unser geliebtes Shuttlemobil und beendeten ein langen Paddeltag.
 
Text: Peter Malkin/kayakussr.com
Übersetzer: Robert Platzer

Web-Tipp: www.kayakussr.com

In den nächsten Tagen bilden der Koksu und der Chakyn den Aschluss der Kasachstan Trilogie,
somit...Fortsetzung folgt...

Lesermeinungen

29.08.2008   Lesermeinung
Rainer Niederhagen
TrustedPaddler
Einfach köstlich, diesen tollen Bericht zu lesen. Mit dieser Truppe unterwegs zu sein, dürfte garantiert nicht langweilig werden.
Rainer Niederhagen
 
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