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Kasachstan Trilogie II
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Der Kaljir
Die Straße zum Kaljir verläuft süd-westlich der Stadt Ust-Kamenogorsk. Wir fuhren durch ein Tal und überquerten den Bahtorminskoe-Stausee, der vom Irtysh, dem größten kasachischen Fluss, gespeist wird. Die Überfahrt in den Sonnenuntergang hinein wird uns für immer ein unvergessliches Bild leiben. Doch es wurde schnell dunkel in der Kazakh-Halbwüste, und wir schlugen unser Nachtlager etwas abseits der Straße auf, nachdem wir uns einige Male verfahren hatten. Es mag niemanden überraschen, dass wir um sieben Uhr morgens schweißgebadet aus den Zelten flohen: die weiße Wüstensonne brannte bereits erbarmungslos hinab. | ![]()
Quelle: kayakussr.com
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Obwohl strauch- und baumlos, zweifelsohne eine der schönsten Landschaften des Planeten: das Land ist bedeckt von endlosen Grasland mit leuchtenden Inseln aus Mohnblumen und Schwertlilien. Es ist lediglich von ansässigen Stämmen besiedelt, die in ihren Yurten in unmittelbarer Nähe ihren Kühe, Pferde und Kamele leben. Wir freundeten uns mit einer Hirtenfamilie an. Vasilii holte anderthalb Liter Neunzigprozentigen heraus – ein Überbleibsel unser voranggegangenen Rodeo-Tour -, um im Auto Platz für Wasser zu schaffen. Den Hirten erzählte er, wir würden den Schnaps nicht mehr brauchen und sie könnten ihn haben. Die Flasche ging rasch zur Neige und die Hirten kamen in Stimmung.
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Quelle: kayakussr.com
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Am folgenden Tag gingen wir paddeln. Nach einem leichten Eingangskatarkt fanden wir uns in einem imposanten Durchbruch wieder. Die Strecke war aufgrund von Felsen und Bäumen oft auf ganzer Breite unpassierbar. Zwei syphonierte Felsstürze waren auch ohne Bäume unfahrbar. Wir umtrugen 200 Meter dieses Infernos und paddelten bei gleichbleibendem Gefälle weiter. Ich spürte die Nachteile meines Dickschiffes in diesem kniffligen Wildwasser, in dem es auf Wendigkeit und die Fähigkeit sich mit einem Schlag vom Acker machen zu können ankam. Wenn mein Bug von einer Welle versetzt wurde, verfing sich das Heck sogleich in einem brodelneden Loch. So muss sich eine Insekt auf einem dieser klebrigen Fliegenfänger vorkommen.
Bald erreichten wir einen Wasserfall. Wir filmten und paddelten weiter. | ![]()
Quelle: kayakussr.com
Antonio Ogorelcev |

Doch es war möglich, sich über die Welle vor dem Prallpolsters des Felsens durchzuschummeln und dann über eine anderthalb Meter hohe Stufe in ein rettendes Kehrwasser zu boofen. Eine furchterregende und gefährliche Stelle, die letzlich machbar war. Es kamen noch weitere Hindernisse, doch wir umtrugen nicht mehr. Bis zur einzigen interessante Stelle des unteren Kaljir, ein Abschnitt angeblich so steil wie der Durchbruchs (50m/km), wären es 40 Kilometer WW 2 gewesen. Wir beschlossen zum Basislager zurückzukehren. Wir trugen hinaus und trafen erneut Hirten, die wir samt ihre Pferde anheuerten. Da nur eins der Pferde keine panische Angst vor den Kajaks hatte, musste dieses drei Boote tragen. Das vierte Boot ging in den Armen eines Reiters auf die Reise. Wir erreichten die Hochebene und über Blumenwiesen die Yurten und schließlich unser Fahrzeug.
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Quelle: kayakussr.com
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Quelle: kayakussr.com
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Vasilii warnte uns vor den durchgeknallten Uniformierten entlang dieser Straße. Und tatsächlich wurden wir nicht nur jede Menge Schmiergeld los, diese wahnsinnigen kasachischen Militärposten kosteten uns auch enorm viel Zeit. Einmal mussten wir den ganzen Bus ausladen, damit ein Spürhund alles nach Drogen absuchen konnte. Den Schock vom Schnuppern an Vasiliis Trockentasche hat das die Tier wohl bis heute nicht überwunden. Wir erreichten den Fluß nachts. Wir stellten das Bier im Wasser kalt und grillten den zuvor gefangenen Fisch. Es hätte so schön sein können, wäre da nicht der Stress der „IT-Party“, mit dem Ziel eine Internetverbindung herzustellen und der Welt diese Geschichte zu verkünden, gewesen.
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Quelle: kayakussr.com
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Quelle: kayakussr.com
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Auf der Tagesordnung des folgenden Tages stand die vierte Schlucht des Tentek, mit einem zu umtragenden, 14 Meter hohen Wasserfall. Wir mussten dabei auf Vasilii, unseren umsichtigen Leitwolf, verzichten, da er, aufgrund der vielen zu erwartenden Strassenkontrollen in dieser Gegend, das auf ihn zugelassene Auto auch selbst fahren musste. In Kasachstan darf man nämlich, genau genommen, andere Leute Fahrzeuge nur mit einer offiziellen Bescheinigung fahren. Es muss auch nicht extra erwähnt werden, dass Vasiliis bärenhafte, behaarte Statur in bestimmten Situationen mehr Eindruck hinterlässt als das dürre Elend, das unser Fahrer abgab.
Der erste Abschnitt bis zum Zusammenfluß mit einem weiteren Arm des Tentek war ziemlich leicht. Das bislang trübe Wasser, auf dem wir die ganze Zeit gepaddelt waren, traf nun auf smaragdgrünes Wassers. Dies ergab nicht nur kurzfristig einen zweifarbigen Fluss, ehe sich die Farben vermischten, es bedeutete auch die doppelte Wassermenge. Wir hielten schon länger nach dem Wasserfall Ausschau, doch bislang hatte sich alles als fahrbar herausgestellt. Dann sahen wir, etwa einen Kilometer nach dem Zusammenfluss ein Naturspektakel vor uns: Das komplette Wasser verschwand in einem gerade mal einen Meter breite Schlitz zwischen zwei Felsen über eine Kante nach unten. Flankiert wurde diese beeindruckende Gebilde von einer zitternd pumpendenen Gischt in den Farben des Regenbogens. | ![]()
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Eine einzige Tollpatschigkeit auf dem von grünem Schleim bedeckten Fels, würde zu einem Sturz in einen fürchterlichen Abgrund führen. Der Lärm des Falles und die in tiefer Frequenz vibrierende Luft drückte uns fast die Schädel ein. Wir teilten uns zu Dritt zwei Snickers, sahen uns an und machten uns bereit für den Sprung. Das Felsband war zum Glück recht eben und auch groß genug, um auch den dritten und letzten von uns samt Boot aufzunehmen. Wir setzten uns in die Kajaks und fielen etwa fünf Meter tief in weiches Wasser und kämpften uns, da wir uns unsicher waren, ob dies schon der komplette Fall gewesen war, durch Strudel und Pilze zum nächstmöglichen Felsvorsprung. |
In seinen Bemühungen traf er noch eine vorgelagertes Loch, in welchem ich ihm kurz darauf auch noch Gesellschaft leistete. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich mich nach dem Hochrollen in einer gastfreundlichen, rückläufigen Unterspülung wiederfand. Trotz massiver Gegenwehr zog es mich weiter unter die Wand und gänzlich unter Wasser. Kaum mehr Luft in den Lungen, verließ ich das Boot und krallte meine abbrechenden Fingernägel in die Felswand, um nach oben in ablaufendes Wasser zu gelangen. Nach einer halben Ewigkeit riss mich die Strömung fort. Obwohl ich mich am Ende der sich beruhigenden Stromschnelle befand, gelang es mir zunächst nicht aufzutauchen. Die Strömung entließ mich erst nach einigen Dutzend Metern an die Oberfläche.
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Quelle: kayakussr.com
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Quelle: kayakusssr.com
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So fühlen sich also 65 Kubik ohne 300 Liter Auftrieb unter dem Hintern an. Beim Versuch anzulanden, merkte ich erst, dass ich noch mein Paddel in den Händen hielt. Ich warf es ans Ufer und schwamm halb bewußtlos vor Luftmangel ins nächste Kehrwasser. Wieder bei Atem, sah ich mich um. Meine Freunde signalisierten mir, dass das Boot noch in der Unterspülung sei. Wir warten eine Viertelstunde auf eine freiwillige Herausgabe - ohne Ergebnis. Dann beschloß Antonio, sein Boot hochzutragen, an den Rand der Wand zu paddeln und zu versuchen mein Kajak herauszuziehen. Doch ehe er dazu kam, lies die Strömung einen kurzen Moment nach, und mein Boot trieb langsam aus der Unterspülung heraus, direkt in meine Hände.
Der Shuttle wartete nicht am Ende der vierten Schlucht. Wir mussten also auch noch die fünfte Schlucht paddeln. Sie ist allerdings nur fünf Kilometer lang, mit einem schweren Abschnitt, der wiederum richtig Spaß macht: 65 Kubik fallen in einen enge Passage, in der Fische von Stufe zu Stufe flußauf springen, und der Paddler sich daran labt, permanent sanft in den Hintern getreten zu werden und zwischen den Wänden dieses riesigen Kessels hin und her zu fliegen.An der Pegelbrücke am Ende der letzten Schlucht sahen wir unser geliebtes Shuttlemobil und beendeten ein langen Paddeltag. |
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