Lebensmüde Paddler am Rheinfall?

Als Bernhard Mauracher und Nils Kagel sich vergangenen Sonntag über den Rheinfall stürzten, wussten die beiden Extrempaddler nicht, welche Aufregung sie hervorrufen würden. Auf kajak.at erzählt Bernie, wie's wirklich war!

TopSiteNews bernie

Als Bernhard Mauracher und Nils Kagel sich vergangenen Sonntag über den Rheinfall bei Schaffhausen stürzten, rechneten die beiden Extrempaddler noch nicht damit welche Aufregung ihr Unternehmen hervorrufen würde. Seither kann sich Bernie vor Medienanfragen kaum retten. Auf kajak.at erzählt er, wie's wirklich war!

rheinfall mauracher

Eingangsstufe

mauracher rheinfall

Bernie (irgendwo) an der linken Seite

Es war ein gewöhnliches Wochenende, an dem ich Nils Kagel vom Bahnhof in Jenbach (Tirol) abgeholt habe. Wie immer kam er mit dem Zug aus Hamburg, um hier in Tirol Wildwasserpaddeln zu gehen. Meistens nur ein Wochenende, was auch viel zu kurz ist, aber so ist es nun mal, wenn man einem normales Arbeitsleben nachgehen muss.Am Samstag fuhren wir ins Ötztal um auf die berüchtigten Achstürze zu gehen. Zu dieser Jahreszeit geht ja sonst nichts mehr. Mit dabei waren noch Florian Zaczek, Markus Vögele, Berni Steidl und mein Bruder Benjamin Mauracher. Es war ein gelungener Tag auf den Ötzfällen. Das Wetter einigermaßen sonnig und der Wasserstand gut. Wir waren alle sehr zufrieden.

>>> TV-Beitrag ORF Tirol Heute

rheinfall mauracher

rheinfall mauracher

...im Prallpolster... und im Tauchgang

Rheinfal Nils

Für den nächsten Tag waren wir noch unschlüssig wo und was wir Paddeln wollten. Zu dieser Jahreszeit ist es schwierig etwas mit Wasser zu finden. Der Wetterbericht hatte Regen angesagt, und so dachten wir, die Brandenberger Ache wäre doch eine Option. Am Vormittag entschieden wir uns aber doch um: Der Rheinfall bei Schaffhausen war das neue Ziel. Es war ein lang ersehnter Wunsch von uns allen dort irgendwann mal hin zu kommen. Für mich war es das erste Mal, dass ich den Rheinfall live sah. Ich kannte in bisher nur aus Geschichten und Sagen. Umso mehr freute ich mich dann darauf, endlich vor diesem Wasserfall zu stehen, vor dem, über den so viel erzählt wird.

Rheinfall mauracher

Gut anschaun...

Der Rheinfall ist ein Monster aus Wasser und Fels. Ich würde sagen, ein natürlicher, von weißem Wasser umhüllter Fels in einer Pracht wie man es nur selten sieht. Wir näherten uns dem Fall vorsichtig, um ihn langsam und intensiv zu erkunden. Von links nach rechts, von allen Seiten wurde er genauestens inspiziert. Jeder für sich alleine. Zwischen uns trat eine Stille ein. Jeder suchte für sich befahrbare Linien durch dieses Chaos. Wir entschieden, dass eine Befahrung mit Kajaks möglich wäre – aber sollen wir es wirklich wagen? Was passiert wenn…? Eine falsche Linie, die Einfahrt nicht treffen, das enorme Prallpolster, die Polizei? Viele Fragen schwirrten durch unsere Köpfe, die Belastung steigt und wir hadern mit der Entscheidung. Die Möglichkeit an sich besteht.

Rheinfall mauracher

"Der Rheinfall ist ein Monster aus Wasser und Fels"

mauracher bernie

rheinfall mauracher

Als wir die Einfahrt noch mal besichtigen fällt uns auf, dass man eigentlich vom Boot aus (auf Wasserhöhe) von der Einfahrt gar nichts mehr sieht. Die Befahrung wird dadurch extrem erschwert. Man sieht nur den Horizont und nicht das, was man sehen sollte. Die Vorstellung da runter zu paddeln und die falsche Einfahrt zu treffen trieb mich fast in den Wahnsinn, den die Folgen wären fatal.

Fahren oder nicht fahren?

Wir gingen zum Auto um zum Einstieg zu fahren. Die Entscheidung, wer und ob wir den Fall befahren möchten, wollten wir vor Ort treffen. Oben angekommen blieb ich im Auto sitzen und schloss die Augen. Ich machte mir noch einmal Gedanken über die Einfahrt der Rheinfälle. Nils, Benjamin und Florian luden die Boote ab und ich wurde sehr nervös dabei. Ich war mir einfach noch nicht sicher. Alles ging sehr schnell. Ich konzentrierte mich ruhig zu werden, um mir endlich den Eingang der Rheinfälle vorstellen zu können, denn das machte mir die größte Angst -die Richtige Linie zu versauen.

mauracher bernie

rheinfall mauracher

Schlussendlich wurde ich ruhig und ich hatte eine klare Linie vor mir. Mein Gefühl drehte sich um 180 Grad. Jetzt war ich mir der Sacher sicher, und bekam vom Bauchgefühl heraus das grüne Licht. Für mich, das Wichtigste um eine solche Entscheidungen zu treffen.

mauracher bernie

Wir nahmen die Kajaklamotten aus unseren Säcken und zogen uns um. Nils und ich waren fast schon fertig als ich bemerkte, dass wir die einzigen waren. Benjamin kniff bei der ganzen Sache. Bei der Besichtigung war er sich sehr unsicher, daher war ich sehr froh über seine Entscheidung. Einen Wasserfall oder Katarakt zu Umtragen oder nicht zu befahren, wenn ihn der Rest der Gruppe fährt, bedarf meistens mehr Kraft als ihn zu befahren. Das ist ein Leitsatz den ich sehr zu schätzen weiß!

rheinfall nils

Nils

Nils und ich machten uns auf den Weg zum Ufer. Wir booteten ein und paddelten los. Keiner verschwendete ein Wort. Beide waren wir in diesem Moment sehr Angespannt und Konzentriert. Nils brach als erster, nach etwa 300 Metern über die Eingangsstufe in Richtung der schwierigen Einfahrt zum Prallpolster hin. Er erwischte die linke Seite einfach perfekt. "Er ist durch, hat es geschafft" dachte ich. "Einfach gewaltig!" Nun bekam ich von den Kameraleuten das OK. "So, jetzt bin ich an der Reihe, jetzt geht’s mir an den Kragen." Mehr Zeit für Gedanken blieb nicht. Als ich lospaddelte überkam mich eine Stille und ich hörte überhaupt nichts mehr. Konzentration und Ruhe warne in diesem Moment das wichtigste.

Perfektes Timing

Ich paddelte über die Eingangsstufe, weiter durch den Pool in Richtung der schwierigen Einfahrt zur Prallwand. Das Wasser zog jetzt immer schneller und es gab kein zurück mehr. Die Einfahrt nahm ich über links und schoss frontal durch das Prallpolster hinweg unten durch. Ich wurde verschluckt und kam erst im Pool wieder an die Oberfläche. Gute Linienwahl und perfektes Timing habe ich mir gedacht.

nils kagel

rheinfall mauracher

Prallpolster linksAusgang rechts

nils kagel

Nils am Prallpolster

Die Glücksgefühle die wir dabei erleben durften sind unbeschreiblich. Es ist ein wahnsinniges Erlebnis die Kraft des Wassers so hautnah spüren zu können. Nils und ich umarmten uns im Kehrwasser und waren sehr glücklich über diese Befahrung.

mauracher bernie

Geschafft!

rheinfall mauracher

rheinfall mauracher

Nach dem PrallpolsterEinfahrt rechts

"So, jetzt fahren wir noch schnell die andere Seite", habe ich zum Nils gesagt. Wenn dann beide Seiten, oder gar nichts. Eine Fehlentscheidung, aber das wurde mir erst später bewusst.Wir trugen unsere Boote hoch, booteten nochmals ein und führen jetzt über die rechte Seite. Ich paddelte vor, über die kleine Eingangsstufe über die Platen und wartete im Kehrwasser vor den eigentlichen Schwierigkeiten. Ich schaute zurück und Nils für über die Kante. Eine Felsplatte bremste ihn ab, er rutschte nach hinten weg in einen Schlitz hinein. Keiner hätte daran gedacht, dass oberhalb der Schwierigkeiten solche Gefahren lauern.

Nils ist verschwunden

Nils war spurlos verschwunden. "Einfach weg? Das kann doch nicht sein! Das gibt es nicht, wo ist er?" Ich wurde immer nervöser, und griff dann zu meiner Griffschlaufe, zog die Spritzdecke, stieg aus und lief über die Platten nach oben. Da sah ich ihn auf einmal runter schwimmen. Nils schwamm ins Kehrwasser und rettete sich selbst. Keiner von uns konnte es glauben, dass sich so etwas an so einer Stelle ereignen kann. Er war einfach in ein Loch gefallen, indem er etwa zwei bis drei Minuten verschwunden blieb. Nils erzählte später, dass er herumgewirbelt wurde und ihm nur noch Schwarz vor Augen war.

rheinfall mauracher

Ausgangsstufe rechts

Diesen Fehler führe ich darauf zurück, dass man hochkonzentriert schwierigste Stufen und Fälle meistert, und leichtere Stellen, wie eben die Einfahrt der rechten Seite des Rheinfalls, eher unkonzentriert befährt. Die linke Seite war geschafft, und die rechte Seite ist ja nicht mehr so schwierig. Aus diesem Grunde passieren eben solche Fehler – Unkonzentriertheit auf eher leichterem Wildwasser.Die meisten Wildwasserunfälle passieren nicht auf Schwerstwildwasser, sondern im Mittelklasse Bereich!

nils kagel

Nils und ich waren gut auf diese Befahrung vorbereitet. Schwieriges Wildwasser ist unser Element. Linien zu finden, im Extrembereich, sie so zu befahren, wie man sich es ausgesucht hat, das Spiel mit dem Wasser, das ist Paddeln für uns. Es hat nichts mit Lebensmüde zu tun oder in der Art. Es ist Spaß mit der Natur, ausloten der Grenzbereiche, genauso wie es Bergsteiger seid hunderten von Jahren schon tun. Genau das gibt uns die innerliche Ruhe.
Viel von euch werden es verstehen, viele aber auch nicht.

Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Nils' Boot ist weg, aber das ist nur ein kleineres Problem. Um Nils per Seil von den Platten zu holen paddelte ich zur rechten Seite des Rheinfalls. Von dort ging's mit Nils im Schlepptau ans Ufer, wo wir von der lieben Polizei in Empfang genommen wurden. Das ist aber eine andere Geschichte.

Die volle Geschichte mit live Interview, tollen Aufnahmen, auch mit einer Perspektive vom Boot aus (Helmkamera) gibt es dann beim Rosenheimer Filmfestival 2007.

Bericht: Bernhard Mauracher
Bilder Benjamin Mauracher, Florian Zazek, Fam. Motz

Im Social-Web teilen:

9 Kommentare

  1. no-avatar

    Leck die Katz, Respekt.

  2. TrustedPaddler

    Respekt, Respekt, Kajak-fahren auf höchster Stufe!

    Gratz, lg flooh

  3. TrustedPaddler

    Danke für den irr spannenden Bericht, Wahnsinnsfahrt - Gratulation! Freu mich dass ihr da wieder heil rausgekommen seid. LG Peter

  4. TrustedPaddler

    !!!!!!Wahnsinn!!!!!! :)

  5. TrustedPaddler

    unglaublich wann mann so etwas fahrt muss mann schon viel besser sein dann dan ein paddler aus holland.

  6. TrustedPaddler
    Benedikt Mayervor 12 Jahren

    Herrje ! Das Leben muss schrecklich langweilig sein, wenn ein Wochenende nur in der Kombination Achstürze/Rheinfall erfüllt ist.

    Und mir Weichei, mir Spießer, mir Lemming macht es Spaß, aufm Chiemsee um die Herreninsel zu paddeln !

    Ich schäme mich

    Beni aus Bayern

  7. TrustedPaddler

    ich paddel auch, aber nicht auf einem solch hohen niveau - hut ab die herren! und weiterhin viel spaß am leben...

  8. TrustedPaddler

    das mit der inneren ruhe und dem spaß mit der natur ist halt schwer zu verstehen, wenn du ein paar zeilen weiter oben von der "urfettn" schreibst (und der nils eben nur durch zufall wieder aufgetaucht ist).

  9. TrustedPaddler
    Hans-Wolfgang Renzvor 11 Jahren

    Unglaublich, was heute alles gefahren wird.
    Im Jahre 1963 haben wir mal im Winter eine Fotoserie bei extremem Niederwasser geschossen, um dann zu entscheiden:
    Dieser Wasserfall ist unfahrbar.
    Die Schwarzweissfotos habe ich immer noch, der Wasserstand war damals erheblich niedriger als bei eurer Befahrung.
    Nochmals: alle Hochachtung

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert mit *.

Deine Daten

Bitte achte auf eine korrekte Mailadresse. Wir schicken dir gleich eine Mail, um deine Identität zu verifizieren. Dein Eintrag wird erst danach angezeigt.