Südamerika, Teil 9

Jutta Kaiser berichtet: Rio Manso von der Mündung des Rio Torrentoso bis Lo de Vera

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Rio Manso von der Mündung des Rio Torrentoso bis Lo de Vera

Früh klingelt uns der Wecker aus unseren Träumen. Wir wollen rechtzeitig unterwegs sein, um das Tageslicht so gut wie möglich auszunutzen. Nach einem schnellen Frühstück packen wir unsere wenigen Sachen zusammen und bringen alles hoch zu Cayuco, dem Sohn des Bauern. Er wird im Laufe des Tages auf dem Pfad einige Stunden flussabwärts bis an die Mündung des Rio Steffen reiten und unsere Schlafsecke und alles weitere dort für uns deponieren.
Dann ziehen wir die noch etwas klammen Paddelsachen wieder an und steigen in unsere Boote. Direkt nach wenigen Metern erreichen wir den ersten unfahrbaren Rapid des heutigen Tages. Durch dichte Vegetation und über hohe Blöcke umtragen wir linksufrig - und empfinden es als sehr angenehm, dass wir etwas Gewicht losgeworden sind.

Die nächsten Stellen können wir fahren, vorsichtig tasten wir uns vorwärts. Noch immer haben wir uns nicht endgültig entschieden, ob wir nicht doch besser einen Teil des Canyons ebenfalls auf dem Weg, den auch Cayuco heute nehmen wird, umlaufen sollen. Doch noch gibt es Möglichkeiten vor uns, aus der Schlucht auf eben diesen Weg zu gelangen. Also paddeln wir erstmal und versuchen uns ein Bild von dem Fluss zu machen.
Das Gefälle nimmt nun immer mehr zu: die Katarakte folgen dichter aufeinander und bauen jeder für sich auch deutlich mehr Höhe ab als noch gestern. Das bedeutet, dass wir auch zum Anschauen und Nach-fahrbaren-Linien-Suchen mehr Zeit brauchen, denn von weit oben ist oftmals nur zu erkennen "hay un algo" (spanisch für: "da unten ist etwas" - meistens ein fieses Loch!) am Ende des Rapids.
Und Diegos Motto, "hay que tirarse" (übersetzt: man muss sich runterwerfen), dass in den letzten Tagen zu unserem "running gag" geworden ist, erscheint uns in diesem Gelände nur noch selten angebracht.

Jutta Kaiser Manso

Jutta Kaiser Manso

Jutta Kaiser Manso

Jutta Kaiser Manso

Schliesslich erreichen wir nach ca. 1,5 h den letzten Punkt, wo wir noch einfach aus der Schlucht hinaus und auf den Weg laufen könnten. Es wird diskutiert: Diego glaubt zu 90%, dass eine komplette Befahrung (mit einigen Unmtragern) möglich ist. Manfred ist nicht wohl bei dem Gedanken, in eine Schlucht mit senkrechten Felswänden zu fahren und dann vor ähnlichen Stellen zu stehen, wie wir sie heute schon untragen haben. Denn dann gäbe es wirklich nur noch: "hay que tirarse". Ich glaube fest daran, dass es immer eine Möglichkeit geben wird, mit etwas Aufwand und Kletterei alles, was wir nicht fahren wollen,zu umtragen und bin dafür, weiter zu fahren. Schliesslich ist das mein grosser Traum! Die gesamte Befahrung des Manso!

Zu viel Zeit dürfen wir nicht mit Diskutieren verlieren, das ist klar; mehr Informationen und Eindrücke als wir jetzt haben, bekommen wir nun auch nicht mehr! Also gut: wir paddeln weiter! Jetzt geht es richtig rein in das Kernstück der Schlucht. Die Wände links und rechts von uns werden etwas höher, immer öfter fahren durch klammartige Passagen, doch im Grunde sind wir alle positiv überrascht: die Katarakte sind sehr ähnlich zu dem, was wir bisher hatten und insgesamt bewegen wir uns auf absolut fairem Wildwasser.

Natürlich müssen wir oft aussteigen und scouten und einige Rapids erweisen sich für uns als definitiv zu umtragen. Doch den weitaus grössten Teil können wir fahren, sogar zwei Rapids, von denen Diego bisher noch nicht gehört hat, dass sie befahren wurden. Hier spielt wohl der hohe Wasserstand für uns und eröffnet neue Linien. Genial! Schliesslich kommen wir in einen Bereich, in dem Diego glaubt, dass hier der letzte schwere Rapid zu finden ist.

Einmal hat er ihn aufwendig linksufrig umtragen, einmal ist er ihn bisher gefahren. Erst steigen wir rechts aus zum anschauen, doch von hier sehen wir zu wenig. Links sind jedoch zum Teil glatte Wände und grösse Blöcke im Fluss versperren uns den Blick auf die linke Fluss-Seite. Was tun? Wenn wir nun auf die linke Seite wechseln, kommen wir von dort nicht mehr weg. Doch trotzdem erscheint uns das als die bessere Alternative. Vom linken Kehrwasser aus sehen wir auch nicht mehr und so entscheide ich mich, ein Stück hoch zu klettern...Nicht gerade angenehm bei diesen glatten, feuchten Wänden. Doch dann sehe ich mehr.... mmmmh...den ersten Teil umheben wir besser, doch dann ergeben sich in der linken Flusshälfte einige theoretische Linien. O.k., also erstmal alle Boote hoch und dann klettern Manfred und Diego von mir am Seil gesichert ebenfalls zu mir hinauf.
Ganz klar ist uns die Linie immer noch nicht, doch weiter kommen wir am Ufer nicht flussab zum Schauen, also steigen wir ein und tasten uns im linken Flussteil langsam weiter. Zum Glück ergibt sich dann alles weitere fast aus dem Boot heraus. Einmal noch auf einen grossen Block im Fluss klettern, um um die Ecke zu schauen... sieht gut aus! Sicher und froh sitzen wir zu dritt im Kehrwasser unterhalb des Rapids.
Geschafft! Mit dem Eindruck, den schwersten Teil der Schlucht hinter uns zu haben, beglückwünschen wir uns zu der guten Entscheidung vor einigen Stunden, weiterzupaddeln!!! Vor uns fliesst der Manso relativ ruhig in eine Klamm, hohe glatte Wände links und rechts, dazu ein tolles Lichtspiel der Sonne auf dem Wasser. Manfred fährt noch einmal auf die andere Seite und steigt recht aufwendig für ein Foto aus. Doch dieses Bild ist es wert!

Jutta Kaiser Manso

Diego und ich treiben schon einmal langsam in diese Klamm hinein. Vor uns macht der Fluss eine Kurve und je näher wir ihr kommen, desto deutlicher hören wir das Rauschen. Da ist doch noch etwas??? Und dann wird es Diego klar! Er hat sich geirrt, der letzte, schwerste und unangenehmste Rapid liegt noch vor uns! Oje! Bei ganz wenig Wasser ist er ihn einmal gefahren, doch heute stehen unsere Chancen dazu wohl eher schlecht. Doch Diego kennt eine Möglichkeit, linskufrig aufwendig zu umtragen, auch das hat er bisher einmal erlebt. Na gut, dann erwartet uns jetzt also viel Arbeit am Ufer...bisher ging alles so glatt, da können wir uns eigentlich auch nicht beschweren.

Doch dann wird unsere Situation noch ungemütlicher als gedacht: das Kehrwasser auf der linken Seite, das man braucht, um zum Scouten oder Umtragen auszusteigen, existiert nicht!!! Vor uns verschwwindet der Bach über eine Abrisskante, Wasser staubt hoch und wir können einige mächtige Blöcke im Fluss erkennen. Doch es gibt hier keine Möglichkeit, mehr zu sehen! Uuups! Und was jetzt? Schnell ist klar: die einzige Möglichkeit, die uns jetzt noch bleibt, ist, gegen die Strömung hoch zupaddeln und dort auszusteigen, wo Manfred fotografiert hat. Evtl. finden wir ja auch rechstufrig eine Möglichkeit, aus der Schlucht hinaus zu klettern. Wir hoffen es sehr!
Zum Glück ist die Strömung gerade schwach genug, dass wir dagegen ankommen und Aussteigen und einige Meter Hochklettern ist auch schnell geschehen. Es sieht ganz gut für uns aus hier! Zum Glück! Das Gelände ist zwar abartig steil, doch mit drei Wurfsäcken und Karabinern sollten wir es schaffen, die Höhenmeter zu bewältigen. Was dann folgt, ist eine 4,5 stündige Umtrage-Odysee in dem steilen Hang. Keiner hat vorher daran gedacht, noch etwas mehr Wasser mitzunehmen und so stehen wir bei grosser Hitze im Hang, quälen uns bis zur Erschöpfung und müssen mit knapp einem Liter Wasser für uns drei haushalten.

Jutta Kaiser Manso

Jutta Kaiser Manso

Als wir schliesslich wieder am Fluss stehen, nur ca. 350m unterhalb der Stelle, wo der Rapid beginnt und immer noch ca. 12m über dem Fluss, sind über 4 Stunden vergangen. Wir sind total erledigt und der 12m Sprung hinter dem Boot her in die Klamm ist die letzte Hürde bis wir wieder im Wasser sind. Geschafft! Nun also endgültig! Es ist mittlerweile kurz nach 20.00 Uhr, noch gut eine Stunde haben wir Licht, doch von dem Ort, wo unsere Schlafsäcke deponiert sind, trennen uns noch mindestens 2,5 Stunden und etliche Rapids.

Doch Diego hat eine Idee, uns vor einem kalten Biwak am Fluss zu bewahren. Noch eine Stunde müssen wir paddeln, dann kennt er einen Ort, wo man auf einem Mini-Pfad zu einem Bauern laufen kann. Die nächsten Kilometer, die immer noch geniales Wildwasser bieten, können wir kaum richtig geniessen. Wir wollen nur noch schnell voran kommen. Schliesslich erreichen wir das Kehrwasser, von dem aus man auf den Pfad kommt. Doch es ist fast dunkel und wir irren zunächst im dichten Unterholz umher. Von Pfad keine Spur! Wer auch immer da oben wohnt, hat wohl schon lange nichts mehr hier unten am Fluss zu tun gehabt! So ein M...!

Jutta Kaiser Manso

Manfred sammelt bereits Holz für ein Feuer - also doch Biwak, doch Diego gibt nicht auf und sucht weiter nach dem Weg! Und endlich, als wir schon fast nicht mehr daran geglaubt haben, finden wir ihn. Spät am Abend und in unseren nassen Paddelsachen tauchen wir also bei den Bauern auf.
Unser Empfang dort ist mehr als freundlich: so viele Menschen kommen hier nicht vorbei und Diego ist bekannt. Schnell sitzen wir am Ofen in der Stube, trocknen unsere Fleecepullis und werden mit Nudeln und warmem Tee wieder zum Leben erweckt. Während wir noch eine weitere Portion Pasta verdrücken, werden Betten für uns hergerichtet, in die wir mehr als glüklich reinschlüpfen. Was ein Happy End für diesen Tag!!!

Fotos und Text: Jutta Kaiser
www.juttakaiser.de

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Südamerika - Jutta Kaiser und Manfred Beer

5 Kommentare

  1. TrustedPaddler

    A wilde Gschichte - Wahnsinn! LG Peter

  2. TrustedPaddler

    Jippi
    endlich ein neuer Teil aus Südamerika. Die Bilder sind einfach fantastisch. Sie laden zum Träumen ein.

    Großes Lob

  3. TrustedPaddler

    wirklich eine super gschichte mann glaubt fast das mann dabei ist oder zumindest man wunscht sich das

    erik eradus

  4. TrustedPaddler

    Die Geschichte ist echt gelungen und hoffentlich gibt es noch viele Fortsetzungen. Macht richtig Spaß zu lesen!
    !!!Weiter so!!!!

  5. TrustedPaddler
    buenaventura marianovor 15 Jahren

    muy buena las fotos y la expe. El Manso es un super rio!!!! Suerte en las proximas Mariano amigo de simon que me paso la pag.

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