Drei Wochen auf dem Dach der Welt Teil 4

Der letzte Teil von Thomas Hinkels Reisebericht auf das Dach der Welt. Erstmals bekommen Flo und Thomas zu spüren, dass sie sich in einem Krisengebiet befinden und dass nicht jeder Fluss einfach so befahrbar ist. [br][/br][url="http://kajak.at/202/3_Wochen_auf_dem_Dach_der_Welt_Teil_4.html?selWeiter=weiter&selID=f5d14e61-88e3-432a-959c-11be9e429a50"][b]Bildergalerie>>[/b][/url]

TopSiteNews Thomas Hinkel
Hinkel Indien

Quelle: MoKa

Nach unserem Multidaytrip und sieben Tagen Trockenfutter genossen wir ein wunderbares Frühstück im „World Garden Cafe“ Leh. Hier fühlten wir uns schon ein wenig daheim. Nur lange sollte es so nicht bleiben. Unsere Zeit im Himalaya war begrenzt und wir wollten noch so viel wie möglich paddeln.

Daher hatten wir uns bereits gestern nach unserer Ankunft schon Bustickets nach Kargil gekauft. Um 15 Uhr ging’s diesmal los. Laut Busfahrer sollte die Fahrt rund sieben Stunden dauern. Anfangs kamen wir auch gut voran, da die Straßen in diesem Bereich gut ausgebaut ist. Doch die guten Wege endeten nach 80 Kilometern wieder. Und so ging es mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 20 Km/h weiter.

Im Endeffekt haben wir satte neun Stunden gebraucht und kamen mitten in der Nacht in Kargil an. Bis auf ein paar Bauarbeiten war absolut nichts los in der Stadt. Im ersten Moment kamen wir uns etwas verloren vor, aber während ich bei der Ausrüstung blieb machte sich Flo auf, eine Bleibe für die Nacht zu finden. In einem schäbigen Hinterhof wurde er dann zum Glück auch schnell fündig.

Hinkel indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Hinkel Indien

Quelle: Primetzhofer Florian

der indische Metzger

Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass Kargil lange nicht so touristisch ist wie Leh. Vergeblich klapperten wir sämtliche Restaurants ab. Jedoch bot keines Frühstück an. Daher begnügten wir uns mit trockenem Brot und unserem Travellunch Müsli. Nach dem wir halbwegs satt waren, ließen wir uns nach Drass bringen. Vorbei an etlichen „War Battle Schools“ und anderen militärischen Einrichtungen. Man spürt hier deutlich die Nähe zu Pakistan und dass die Lage neun Jahre nach dem Krieg immer noch angespannt ist.

Hinkel indien

Quelle: Primetzhofer Florian

auf dem oberen DrassNach zwei Stunden Taxifahrt erreichten wir Drass. Wir konnten den Fahrer überreden noch ein paar Kilometer flussauf zufahren, bis wir einen guten Einstieg fanden. Der Tag war einer der wärmsten bisher und wir wollten nur so schnell es ging in die Boote. Gesagt getan. Voller Vorfreude überraschte uns nur ein paar hundert Meter nach dem Einstieg eine enge Klamm die sich bis auf 30 cm verjüngte. Also, wieder raus aus den Booten und die knappen 1000 Meter umtragen. Das und die Diskussion mit dem Taxifahrer hätten wir uns gut und gerne sparen können.Das Wildwasser blieb anfangs einfach, im zweiten Schwierigkeitsgrad. Landschaftlich konnte der Drass River allerdings, wie auch schon der Tsarap Chu und Zanskar überzeugen und begeistern. Am Nachmittag wurde es dann auch endlich interessanter. Große Felsen versperrten uns die Sicht und wir stiegen ans Ufer. Was wir dann sahen ließ unser Paddlerherz höher schlagen. Ein schöner fünfer Katarakt mit ordentlich Gefälle. Flo überließ mir den Vortritt, weil ich im Mittelteil aussteigen und filmen wollte.Mit vollem Boot kribbelt es immer noch ein bisschen mehr und ich unterschätzte auch gleich mal die Strömung bzw. mein Beschleunigungsvermögen. Das führte dazu, dass ich die Linie nicht traf und nach der ersten Stufe rollen musste. Kurz vor der zweiten kam ich wieder hoch, schaffte es aber nicht mehr mein Boot auszurichten. Mit viel Glück und ein wenig Geschick kam ich dennoch über den Rücklauf der zweiten Stufe hinaus und kam keuchend ins Zielkehrwasser. Ein erhobener Daumen für Flo, das alles Ok war und Flo kletterte zurück zum Boot. Er wählte seine Route nach den neuesten Erkenntnissen und fuhr die ersten beiden Stufen sauber runter.

Hinkel indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Hinkel Indien

Quelle: MoKa

Erste Stufe des 5er KataraktsAusgang des 5er Katarakts

Unterschätzte dann jedoch eine kleine Walze und musste daraufhin den zweiten Teil des Katarakts ohne zu scouten fahren. Von oben sah ich nur, dass er ein zwei mal im Sidesurf hing und einen größeren Felsen touchierte. Nichts passiert. Hier durfte ich dann mit einer sauberen Linie mein Gewissen beruhigen.

Hinkel Indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Nach dem sportlichen Abschnitt ging es wieder ruhig weiter. Wir suchten uns einen Schlafplatz und schlugen zum letzten Mal ein Lager unter freiem Himmel auf.

Am nächsten Morgen weckte uns die Sonne mit herrlichem Sonnenschein. Unsere Ausrüstung verschwand wieder im Boot und weiter ging es. Am Vortag zweifelten wir schon stark an der Einschätzung der englischen Paddler. Sie sprachen im Zusammenhang vom Drass River nur von non-stop Wildwasser IV und vom besten Fluss Kaschmirs. Jedoch ließ der Fluss am zweiten Tag nicht lange auf sich warten und beglückte unsere Paddlerseele mit schönsten Pool-Rapid Style. Unseren Augen konnten wir kaum trauen, als von links ein glasklarer Seitenbach mündete. Da wir noch nicht wussten was wir in den nächsten Tagen unternehmen sollten, beschlossen wir alles daran zu setzen den Drass-Zufluss zu befahren. Aber zuerst einmal den Drass River bis nach Kargil.

Kurz vor dem Ausstieg begegneten wir am Ufer einigen Indern, die mit langen Stangen die Uferbereiche absuchten. Sie erzählten uns, dass eine Woche zuvor ein Freund von ihnen ca. 60 Kilometer oberhalb in Wasser gefallen sei. Sie fragte ob wir ihn gesehen hätten. Wir verneinten, und um ehrlich zu sein war ich darüber froh.Das Lager am Drass

Hinkel indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Hinkel Indien

Quelle: thom-hin

Abends in Kargil, suchten wir das Continental Hotel auf, in dem wir uns sehr viel wohler fühlten als in der Nacht zu vor.Am nächsten morgen hatten wir wieder das Problem mit dem Frühstück. Unsere letzten Müslireserven mussten nun herhalten. Dazu viele Schokoriegel und Kekse, die wir uns gekauft hatten. Gesättigt suchten wir uns ein Taxi, das uns zum Shingo River bringen sollte - so hieß der glasklare Bach. Unser Taxifahrer, ein junger Kerl, fuhr im Gegensatz zu seinen Kollegen einen sehr rasanten Fahrstil. Auch nach dem Hinweis, dass die Boote nicht sehr fest seien, ließ er sich nicht von seinen riskanten Fahrverhalten abbringen. Bis er stärker bremsen musste, unsere Kajaks allerdings weiter fuhren bzw. flogen. Mitten in der Pampa weigerte er sich dann uns noch weiter zu fahren. Zu groß die Angst die Boote wieder zu verlieren. So standen wir am Straßenrand, mitten im Himalaya, samt Ausrüstung und überlegt was wir tun sollten.Flo auf dem Dach des Hühnertransporters

Doch die Rettung kam von selbst. Keine zehn Minuten dauerte es, da hielt ein Hühnertransporter und bot an uns mitzunehmen. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Leider war der einzig freie Platz auf dem Dach, in knapp drei Metern Höhe. Aber was soll‘s. In der einen Hand das Boot, in der anderen der Haltegriff am Dach. Mit flauen Magen kamen wir am Shingo River an und bedankten uns in Form von Geld beim Fahrer.

Hinkel Indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Da wir vorher nicht wussten wie wir am Shingo River weiter kamen und uns schon darauf eingestellt hatten, die Kajaks tragen zu müssen, hatten wir auf jegliche zusätzliche Ausrüstung verzichtet. Es führte nämlich nur ein Trampelpfad am Fluss hoch. Zufälliger Weise bereiteten aber grade eine Gruppe Inder ihre Packesel vor. Nach ein paar Wortwechseln waren sie gerne bereit uns samt Kajaks den Shingo River hochzutragen. Wir sollten jedoch noch mit dem Militärposten sprechen, ob wir das überhaupt dürfen. Erst jetzt bemerkten wir den Posten in einer kleinen heruntergekommenen Hütte. Ein Offizier in Flecktarnkleidung und Badesandalen erklärte uns, dass wir eine Erlaubnis brauchten. Die könnten wir eventuell im nächsten Stützpunkt erhalten.

Wieder einmal wartete ich bei der Ausrüstung, während Flo sich per Anhalter auf den Weg machte. Knapp eine Stunde war Flo unterwegs, als er mit grimmiger Miene zurück kam. Man hatte ihn von einer Basis zur nächsten geschickt und immer wieder auf höhere Kommandanten verwiesen. Im Endeffekt sollten wir nach Kargil gehen und mit dem Bataillonskommandeur in Verbindung setzen. Da wir das heute nicht mehr schaffen würden, beschlossen wir den Drass River noch mal bis zur Mündung zu fahren und uns am Nachmittag um die Erlaubnis zu bemühen.

Hinkel Indien

Quelle: thom-hin

Hinkel Indien

Quelle: MoKa

Nachmittags in Kargil angekommen liefen wir von einem Militärposten zum nächsten, bis wir einen fanden der Englisch sprechen konnte. Es kostete uns viele Erklärungen und Mühen bis wir endlich über ein Funkgerät mit dem Bataillonskommandeur sprechen durften. Leider ließ sich auch dieser nicht überzeugen. Das Problem sei, das der Shingo River nach ca. 20 - 25 Kilometern die Pakistanische Grenze erreicht und das indische Militär dürfe nicht im Grenzbereich agieren. Wenn uns nun als Touris etwas zustoße, könnten sie uns nicht helfen. Allerdings sagte er, dass wir vielleicht in der indischen Hauptstadt Neu Dehli eine Erlaubnis kriegen könnten. Alles klar. Für unsere nächste Indienreise wissen wir es dann.

Hinkel Indien

Quelle: MoKa

Frustriert überlegten wir nun, was wir in der restlichen Zeit noch machen sollten. Wir fanden in Kargil keine Informationsquelle, bei der wir uns über andere Flüsse hätten informieren können. Wir erkundigten uns nach den Abfahrtszeiten der Busse Richtung Leh. Der nächste Bus fuhr erst am Abend des drauf folgenden Tags. So beschlossen wir, zum dritten Mal den unteren Drass zu fahren. Wir unterhielten uns viel mit den Einheimischen, die am Ufer saßen. Am Abend stiegen wir wieder in den Bus. Diesmal brauchten wir für die 250 Kilometer lange Strecke bis nach Leh - sage und schreibe - elf Stunden!! Das lag unter anderen daran, dass zwei Reifen platzten und diese erst geflickt werden mussten, bevor es weiter gehen konnte.

In Leh verbachten wir die letzten zwei Tage ohne zu paddeln, da wir unsere Sachen während des Fluges trocken haben wollten.Bus beim Radwechsel auf der Rückfahrt nach Leh

Ein Tag vor unserem Abflug wurde es doch noch mal spannend. Wir hatten beide kein Bargeld mehr und der einzige Geldautomat in Leh funktionierte nicht. Wir hatten nicht mehr genug Geld für das Hotel, geschweige den für das Taxi, welches uns zum Flughafen bringen sollte. Zum Glück kamen wir im Endeffekt über unsere Kreditkarten an Bares, wenn auch zu hohen Gebühren.

Hinkel Indien

Quelle: Primetzhofer Florian

Tsarap Chu von oben

Bei unserem Rückflug nach Dehli hatten wir bestes Wetter und konnten die Zanskarschlucht noch ein letztes mal sehen. Diesmal von oben, so dass wir dessen Verlauf verfolgen konnten. Schon komisch, wie klein und nah alles von oben wirkt.

Wer gerne mehr Informationen zu Hotels, Kosten, Anreise usw. haben möchte kann mich gerne anschreiben: www.thomashinkel.com

Text: Thomas Hinkel

Vielen Dank für die Unterstützung an:
Kajakshop.com
Paddle-Peopel
Bliss Stick Europe

Im Social-Web teilen:
TrustedPaddler
Ausgebildeter Physiker, Redakteur, Herr über Tausend Zeilen Code auf 4-Paddlers.com und spätberufener zugereister Paddler aus Augsburg.

Drei Wochen auf dem Dach der Welt!

3 Kommentare

  1. TrustedPaddler

    hallo flo, alter schwede, ah wiener - was, deutscher?!
    echt extreme stellen und voll wuchtig!!! sehr abenteuerlich!
    gruss
    fabian

  2. TrustedPaddler

    sorry mein fehler...... wird sofort wieder ein Österreicher draus.....

  3. no-avatar

    als mir flo vor ca 2 jahre zun ersten mal von seinem vorhaben erzählt hatte konnte ich ihn nicht so ganz verstehen, als ich aber die ersten fotos in einem kajakheftl zu sehen bekam war mir klar was ihn da noch hin treibt. ich habe zwar null ahnung vom kajaken, mein herzschlag beschleunigt aber enorm bei deinen bildern und den erzählungen. sollte vielleicht doch noch einen kajakkurs belegen um zumindest einmal die salza runterpaddeln zu können
    danke dass ich zumindest "bildlich" daran teilhaben durfte. liebe grüße lisi

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert mit *.

Deine Daten

Bitte achte auf eine korrekte Mailadresse. Wir schicken dir gleich eine Mail, um deine Identität zu verifizieren. Dein Eintrag wird erst danach angezeigt.