Paddeln unterm Halbmond – ein Roadtrip durch die Türkei

Nach dem Saisonauftakt im mediterranen Süden rollte der VW-Bus von Christoph Scheuermann und Salome Fritz Mitte Juni weiter nach Ostanatolien. Neben Neuentdeckungen wie dem Hurman wagten sich die beiden weit ins Kurdengebiet zu Munzur und Pülümür bevor schließlich die auch im Sommer noch wuchtigen Schwarzmeerflüsse auf der Agenda standen.

Paddeln unterm Halbmond – ein Roadtrip durch die Türkei

Nach dem Saisonauftakt im mediterranen Süden (siehe Teil 1) rollte der VW-Bus von Christoph Scheuermann und Salome Fritz Mitte Juni weiter nach Ostanatolien. Neben Neuentdeckungen wie dem Hurman wagten sich die beiden weit ins Kurdengebiet zu Munzur und Pülümür bevor schließlich die auch im Sommer noch wuchtigen Schwarzmeerflüsse auf der Agenda standen.

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Quelle: Salome Fritz

17. Juni, Hurman Kalesi, Ostanatolien. Vor fünf Stunden hatten wir unser Nachtlager unweit der Überlandstraße geräumt, ließen die rollende Steppenlandschaft hinter uns und haben den letzten Pass ins Tal des Hurman Cayi erklommen. Viel wussten wir nicht über den isoliert im Osten der Türkei gelegenen Wildfluss. Einzige Quelle war Franz Bettingers Greco 2, in dem er unter anderem seine Türkei-Erfahrungen zu Papier gebracht hat. Nach flüchtigen Blicken von der hoch über dem Fluss verlaufenden Straße entschlossen wir uns, drei Kilometer vor Schluchtbeginn die Boote ins schmale Bachbett zu setzen. Ein Fehler, wie wir bald begriffen – flach, schnell, ziemlich kehrwasserarm, vor allem aber von der Vegetation über alle Maßen zugewuchert, auf diese wenig charmante Weise treibt der Hurman das Adrenalin in die Höhe, als wir die drei Meter langen Fusions durchs Gebüsch zirkeln.

Gerade rechtzeitig vor einer massiven Baumversperrung entscheiden wir uns für einen kleinen Nebenarm. Dieser ist zwar auch verwachsen, aber immerhin kann man hier bremsen. Egal, mit dem Zusammenrücken der Schluchtwände weichen Strauch und Baum. Dafür entwickelt sich das Wildwasser prächtig: Saubere, immer faire Schwälle im oft durch Grundgestein gegliederten Flussbett. Dazu eine tolle Geologie, bestes Wetter und eine faszinierende Tierwelt. Adler kreisen über uns, an einer haushohen Wand nisten die Schwalben zu Dutzenden.

Abgesehen von einem Katarakt im vierten Grad bleibt der Hurman ein wunderschöner Dreier mit großem Erholungspotenzial. Dass es Sonntag ist, bemerken wir am Ausstieg: Türkische Familien haben sich mit Kind, Kegel und Picknickdecke auf ins Grüne gemacht. Kaum ausgestiegen, klettern die aufgeweckten Kids in die Boote, wir werden höflich, aber bestimmt zu Tisch gebeten.

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Quelle: Christoph Scheuermann

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto: In der Schlucht des Hurman.Foto: Nette Schwälle am Schluchtengrund des Hurman.20. Juni, Tunceli, kurdisch Dersim. unser Zeitplan ist eng gesetzt – nur eine Woche bleibt, bis unsere polnischen Freunde in Trabzon landen, im Anschluss startet das erste Anatoliencamp mit Toros Outdoors. Eine Woche, um Wasser und Ufer des kurdischen Dreigestirns Euphrat, Munzur und Pülümür zu erkunden. Heute haben wir uns den ganzen Tag Zeit genommen, um Kultur und Bewohnern in dieser kleinsten aller türkischen Provinzen nahezukommen. Der Name Tunceli hat in den Ohren vieler Türken eine höchst negative Konnotation: Hier liegt nicht nur die Keimzelle des kurdischen Widerstands. In der mehrheitlich alevitischen Bevölkerung genießen auch politisch linke Strömungen hohes Ansehen. Dieser Stachel im Fleisch von sunnitisch-konservativen Türken ist immer wieder Anlass von – zum Teil bewaffneter – Konflikten. Dank unserer Kontakte werden wir im kleinen Städtchen freundlich empfangen. Auch von Seiten der Behörden scheint das Ziel ausgegeben, Aufregung zu vermeiden.

Nur einer der Checkpoints im Tal ist besetzt, kontrolliert werden wir nicht. Die Sonne steht schon tief, als wir direkt an der Munzurquelle einsetzen. Dieser für Aleviten heilige Ort ist im Sommer ein beliebter Picknickplatz, nicht zuletzt des kühlenden klaren Wassers wegen. Attraktiv ist auch der Munzur unter unseren Kajaks. Nachdem wir eine stark verholzte Strecke umtragen hatten, zeigte sich das blitzsaubere Wasser in bestem Licht.

Die Abendsonne spiegelt das blanke Weiß der Kiesbänke, das tiefe Blau in den Gumpen bildet farbenfrohen Kontrast. Flankiert von 3000 Meter hohen Bergen pendelt der junge Munzur nimmermüde, aber nie schwierig durch den breiten Talgrund. Kühe grasen am Ufer, Angler winken uns zu, hinter jeder Biegung wartet ein neues Panorama. Als wir den Ausstieg bei Ovacik erreichen, wissen wir: Dieser Fluss ist perfekt fürs Wildwassercamp.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Wir starten direkt an der Quelle. Das Wasser ist eiskalt und glasklar.

30. Juni, nahe Yaylalar, im Tal des Barhal. Noch ein bisschen höher, nur noch um die eine Kurve ... Die Jungs aus Krakau im hinteren Teil des Busses werden langsam quengelig. Es ist brülleheiß, seit über einer Stunde kurbeln wir das Tal des Barhal hinauf. Der Tacho zeigt 24 Kilometer, nicht von der Mündung, sondern vom Ausstieg für den oberen schweren Abschnitt. Doch der Barhal poltert gar so schön zur Linken. Über Blöcke, Felsriegel hinweg, enge Linien definierend zwischen dicken Walzen und vor allem ohne jede Pause.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Topik in perfekter Linie am Barhal.Das ist Paddeln im Pontus wie es besser nicht sein könnte. Slodki, sonst um keine haarige Linie verlegen, moniert vor allem die fehlenden Pools. »No pools, Slodki, this is the Pontus!" Schließlich besichtigen wir den nicht enden wollenden Katarakt zu Fuß, legen den Ausstieg vor der folgenden Carnage-Rutsche fest (die einzige Trage für diesen Paddeltag) und befahren die Steilstrecke einzeln. Fahrfehler auf der gut 300 Meter langen Rennstrecke bleiben nicht aus. Aber der Barhal ist rund, vor jedem Block federt ein Prallpolster, manches Mal ist das Unterwasser unübersichtlich, selten jedoch unsauber. Volle vier Stunden hält uns der Oberste Barhal auf Trab. Hier oben bin ich noch nie gepaddelt. Wird bei soviel Wasser sicher spannend auf der Standardstrecke bis Sarigöl ... Aber darüber sprechen wir morgen.

1. Juli, auf dem Oberen Barhal. Hm, vielleicht hätt' ich's nochmal sagen sollen mit dem Kehrwasser. Grübelnd, ob ich wohl zu sorglos war vor fünf Minuten, knüpple ich durch das hier nicht ganz so steile Bachbett, die Augen stets offen nach einem vollgelaufenen Burn. Ohne große Worte bin ich in das letzte Kehrwasser vor der Zwei-Meter-Stufe eingeschwungen.

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Quelle: Robert Topik Szymacha

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Galerie: Paddeln unterm Halbmond – ein Roadtrip durch die Türkei

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Quelle: Jacek Prymus Daszkowski

3. Juli, Meydancik, das letzte Dorf im Tal unweit der georgischen Grenze. Der Paddelneo nassgeschwitzt, die Knochen müde, der Geist vom Adrenalin wachgeputscht. Alles schreit nach Feierabend, die letzten vier Stunden waren schön, aber auch sehr anstrengend.

Ein ziemlich unbekannter Bach, nicht mal den Namen wissen wir. In der Karte steht Ilica, den Locals sagt das nichts, anstatt dessen kennen sie drei andere Namen. Dave Manby hatte mir das Tal wärmstens empfohlen und den Creek schlicht Meydancik Cayi getauft nach dem größten Ort im Tal.



Foto rechts: Das grüne Tal des Imerhev aka Ilica lässt auch mal Zeit zum Verschnaufen.

Foto unten: Der schwere Tunnelkatarakt des Imerhev kurz vor dem Ausstieg.Das grüne Tal des Imerhev aka Ilica lässt auch mal Zeit zum Verschnaufen.

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Quelle: Jacek Prymus Daszkowski

Halb springend, halb staksend überwinde ich die 50 Meter lange Schutthalde runter zu den Booten. Ein langer Katarakt noch, eine kurze Trage, dann der letzte Kilometer, der hoffentlich keine Gemeinheiten in petto hat. Aus der Höhe ist alles gut einsehbar, auch die Linie liegt auf der Hand. Als ich mich vom Ufer abstoße hab ich sie im Kopf, garniert mit der Hoffnung, dass von oben immer alles größer und schneller aussieht als es ist.

Völliger Quatsch natürlich, aber jetzt ist es eh wurscht. Die Richtungswechsel kommen Schlag auf Schlag. Wenn es durch die ersten beiden Walzen langt, ist der Rest auch zu schaffen. Anlauf, Boof, Anlauf, Boof. Geschafft! Den Blick nach hinten erkaufe ich mir mit einem unfreiwilligen Aufenthalt im Prallpolster. Alles paletti, die anderen zwei sind auch durch. High 5 und dann gleich "Serefe!", das Bier ist kaltgestellt. Am Ausstieg wartet auch schon die Polis, der Hausmeister des Stausees, in dem unsere Fahrt endet, hatte sie wohl gerufen. Aber alles kein Problem. Es lebe Klose, Bayern Münich und der Sport im allgemeinen. Der Bach heißt seit der Namensreform unter Atatürk tatsächlich Ilica. Im Tal benutzt aber jeder noch den alten georgischen Namen Imerhev.

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Quelle: Robert Topik Szymachaobert

Die alten Türkenbrücken sind das Wahrzeichen des Firtinatals.

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Quelle: Jacek Prymus Daszkowski

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24. Juli, zweite Camp-Woche, tief am Grund des Euphratcanyons. Hundert Meter hohe Wände, kunstvoll geformte Felsfiguren, Riesenquellen sprudeln von rechts und links, über uns ziehen Greifvögel ihre Bahnen. Wir gleiten und staunen. Und Edda beobachtet. Vor allem mich. Wenn Scheuer nämlich seinen Helm aufzieht, droht Gefahr. Dann wird's spannend, sportlich, adrenalingeladen.

Kurz gesagt, nicht dass, was sich Edda unter Wanderpaddeln vorstellt. Denn Edda und Frank sind Wanderpaddler. Und das hier ist Wildwasser. Da muss selbst ich beipflichten, auch wenn ich hier das Element Wasser nach der Woche im Kackar-Gebirge als gar nicht so aufregend empfinde. Immerhin wird's nicht schwerer als WW III, denn das hatte ich versprochen. Also ziehen wir alle nochmal die Helme fest, ich suche eine nicht ganz so turbulente Traverse durchs Wellengewühl und Frank und Edda folgen – im Creeking würde ich sagen – Blue Angel. Das Gute am Euphrat: Auf jeden Schwall folgt ein Pool. Auf jede Anspannung Erleichterung.

Mann, geht's uns gut! Da sind wir uns einig, als wir am Abend die Zelte im privaten Pappelhain aufgebaut haben, Werner die bayerische Dosenwurst auspackt und uns mit Blick auf die untergehenden Sonne am kühlen Quellwasser laben. Quellwasser? Da waren sich Teilnehmer und Campleitung einig: An die Flasche Raki hätte der Guide bloß mal denken können ...

Artikel Paddeln unterm Halbmond – ein Roadtrip durch die Tür Euphrat

Quelle: Christoph Scheuermann

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Quelle: Christoph Scheuermann

Mehr Infos zum Roadtrip von Scheuer und Salome, allerlei Reise- und Paddeltipps in der Türkei und im Kaukasus sowie die Termine der Toros-Wildwassercamps 2013  findet ihr auf www.toros-outdoors.de. Für Kurzentschlossene gibt's Restplätze für das Herbstcamp von 10. bis 17. November. Weitere Fotos zur Türkei-Tour 2012 auf der Facebook-Seite von Toros Outdoors.

Text: Christoph Scheuermann

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Ausgebildeter Physiker, Redakteur, Herr über Tausend Zeilen Code auf 4-Paddlers.com und spätberufener zugereister Paddler aus Augsburg.

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