Griechenland so richtig lang – Arachthos und Acheloos

Bereit für die drei großen »A« des Pindos? Im zweiten Teil der Hellas-Saga touren Scheuer und Salome durch die großen Täler Westgriechenlands und berichten in Wort und Bild von Agrafiotis, Acheloos und Arachthos.

Griechenland so richtig lang – Arachthos und Acheloos
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Quelle: Salome Fritz

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Quelle: Salome Fritz

9. Juni, auf der Terrasse des Hotels Teloneio in Plaka: Hoch über dem blauen Wasser des Arachthos erhebt sich das schroffe Bergmassiv der Tzoumerka. Stoisch überragt die grau-schattierte Wand die grünen Wälder, in den zahlreichen Karrinnen glitzern Schneereste. Der wolkenlose Himmel flirrt in der Hitze. Gerade mal sechs Wochen ist es her, dass wir die lauen Aprilabende hier verbrachten. Bei Weißwein und Tsipouro begossen wir den Paddeltag, während uns Wirtin Marina mit Köstlichkeiten aus lokaler Küche beglückte, die kein Ende nahmen. Weiße Bohnen in einem Sößchen, das uns schwärmen ließ. Gegrillter Feta in Knoblauch und Olivenöl. Zart frittierte Kartoffelschnitze. Und natürlich der nie übertroffenene, im Ofen zartgebackene Schweinerücken.Foto oben: Durchs Kiesbett des blauen AgrafiotisFoto links: Auch mal nett – Frappé und lecker Eis am Wasserfall von Katarraktis.

Die Erinnerungen schweifen, ich betrachte die Fotos vergangener Tage, wie von selbst huschen meine Finger über die Tastatur des Notebooks. Die drei »A« des Pindos hatten wir uns vorgenommen und wurden nicht enttäuscht. Stundenlang bahnten wir uns den Weg über die Schotterstraßen des Agrafa-Gebirges, bis wir zum blauen Agrafiotis gelangten.

Der mächtige Acheloos – obgleich schon mehrmals totgesagt – hielt uns volle vier Tage beschäftigt. Vom Lakmos kommend folgten wir seinem Lauf, begleiteten ihn von der Wiege, durch ungestüme Jugend bis zur Adoleszenz, deren Wildheit nur kurz von einem Betonkorsett durchbrochen ist.

 

Galerie: Paddeln im Pindos – Agrafiotis, Arachthos, Acheloos

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Quelle: Salome Fritz

Den König des Pindos mit seinem tiefen, schroff zum Himmel strebenden Felsenspalt beehrten wir zum Ende der Reise: Der Arachthos mit seinem Bruderfluss Kalaritikos bescherte uns unbeschwertes, ja reines Vergnügen auf zwei langen Etappen. Leider gestattete der Zeitplan nur drei Tage, so dass die lange Schlucht ab Baldouma ausfallen musste. Doch der Einstieg oberhalb der »Milchstraße« garantiert ohnehin noch einen langen Tag. Die ersten beiden langen Schwälle lassen sich bequem auf einem Fußpfad links umtragen.Doch nicht jedes Kajak fliegt schwerelos wie der Schokoriegel aus den Neunzigern durch den Kosmos. Einige Löcher sind tief, die Kurven sind zum Teil eng, die Durchfahrten schmal und wuchtig. Wer die Spitze oben hält, gleitet grazil von Boof zu Boof. Definitiv eine der schöneren Stromschnellen des Planten Erde! Die folgende Stelle nennen die Locals »Trichter« ob des gigantischen schwarzen Schlundes in der Wand. Wer es vorzieht Distanz zum Orkus zu wahren, zirkelt durch den nicht minder anspruchsvollen Chickenchannel links.Bis zur Mündung des klar-blauen Kallaritikos bleibt der Arachthos leicht. Lediglich einigen Felswänden gilt es auszuweichen. Doch nicht immer sollte man den einfachsten Weg in der Innenkurve wählen. Bis zum Ausstieg in Plaka warten noch eine ganze Reihe dieser »Big Walls«. Ganz gefräßige Kaliber wie den »Room of Doom« sneaken auch alte Hasen lieber nahe der Kiesbank, doch mit dem nötigen Gefühl in der Hüfte verlaufen die schönsten Linie meist auf schmalem Grat knapp an der Wand. Foto links: Auf sportlicher Linie durch die Milchstraße des Arachthos.

Was genau ist eigentlich der »Room of Bloom«? Und wer denkt sich so einen dämlichen Namen aus? Nun heißt »bloom« nicht nur »Blüte«, sondern auch »Walzblock«. Vielleicht liegt die Wahrheit in dieser zweiten Übersetzung. Nikos' Erklärung, dass der Name lautmalerischen Ursprungs sei und vom (blütenweichen) Aufschlag des Rafts in der Walze stamme, mag ich nicht recht glauben.

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Quelle: Salome Fritz

Jedenfalls sind alle Rafts, die ich gesehen habe, mit sicherem Abstand der Walze ausgewichen. Wer den »Room of Bloom« im Juni erlebt, versteht sowieso nicht das Aufheben, das um die dann harmlose Stelle gemacht wird. Wer aber bei Fullflow im April das letzte Kehrwasser rechts nimmt, zum Besichtigen aussteigt und dieses überaus stattliche Kaliber von einem »Walzblock« zu Gesicht bekommt, fragt sich zurecht, wie man von diesem »last eddy« nun zurück in die Hauptlinie finden soll. Die im Übrigen auch noch echt sportlich ist.Natürlich ist die Stelle dramaturgisch höchst stimmig direkt vor dem 800 Meter langen Hauptcanyon plaziert, der sich hervorragend fürs Langstreckenschwimmen, aber nicht wirklich zum Bootebergen eignet. Nun ja, man kann sich ja immer noch mit den Wiener Freunden zusammentun, die praktisch jedes Jahr nach Ostern am Arachthos sind. Viele Grüße an dieser Stelle!Foto links: Im Walzblock des »Room of Bloom«

Spätestens an der historischen Bogenbrücke von Plaka sind alle wieder vereint. Und wer bis hierhin nicht geschwommen ist, auf den wartet noch der letzte Schwall vor der Eisenbrücke. Und ein weiterer Pluspunkt des Paddelns bei Nikos: Wer mit den Raftern zum Einstieg geshuttelt ist, hat Autos und trockene Sachen schon am Camp. Urlaub in höchster Komfortzone!

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Quelle: Scheuermann Christoph

Nun, sechs Wochen später – der letzte Monat war mit Paddeltagen im türkischen Taurus reich gesegnet – schweifen die Gedanken. Morgen wollen wir ein weiteres Mal auf den Kallaritikos. Das Wasser ist immer noch hoch, aufs Neue sind wir von der Schönheit der Landschaft fast erschlagen. Die Schlucht des Arachthos rund um das Örtchen Plaka ist ein wahres Outdoor-Paradies. 2429 Meter hoch, also gut zwei Kilometer über dem Schluchtgrund, erhebt sich der Hauptgipfel der Tzoumerka. Aus ihrer Zentralflanke stürzen die beiden etwa 125 Meter hohen Wasserfälle in den Talkessel nahe des Dorfes Katarraktis (dt: Wasserfall). Zahllose Forst- und Almstraßen wie auch Singletrails machen die Region perfekt zum Mountainbiken und Downhill-Fahren.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Alte Dorfverbindungswege und Römerstraßen ziehen sich durch die grünen Forsten. Kühn geschwungene Brücken aus osmanischer Zeit spannen sich über die Gebirgsbäche. Nicht nur versierte Kajakfahrer finden hier auf etwa 100 Kilometer Paddelstrecke ihr Eldorado, auch Gelegenheitssportler steht das Flussvergnügen auf dem Raft offen. Die rasante Schussfahrt durch die Klamm des Kallaritikos sowie der gigantische Arachthos-Canyon oberhalb Plaka zählt ohne Frage zu den beeindruckendsten Touren Europas. Wem das fließende Wasser nicht genügt, für den organisiert Nikos Wandertouren in der Umgebung. Auch Mountainbikes stehen zum Verleih.Überhaupt freuen sich Paddler über die passgenaue Infrastruktur im Tal. Derzeit entsteht ein neues Basecamp direkt am Fluss mit Strom und heißen Duschen. Wer es luxuriöser will, checkt in Nikos' Boutiquehotel Telenoio jenseits der Brücke ein. Für schier unglaubliche 25 Euro schläft man im exklusiven Doppelzimmer, das eher einer Suite gleicht. Jedes Zimmer ist individuell ausgestattet unter anderem mit einem offenen Kamin, die Einrichtung gleicht einem Museum. Legendär sind auch die Kochkünste von Nikos' Frau Marina. So ist im Preis auch ein üppiges Frühstück samt hausgemachter Gemüsekuchen und anderer Leckereien enthalten.Und die Flusabenteuer sind nicht auf Arachthos und Kallaritikos beschränkt. Ab etwa Anfang Mai ist die neu asphaltierte Bergstraße zum Lakmos schneefrei. in etwa 1,5 Stunden ist man am Oberlauf des Acheloos, der mitsamt seiner Quellflüsse vier bis fünf Tage Paddelvergnügen bietet. Zu den Schluchten unterhalb des Mesochora-Dammes gelangt man in zwei Stunden durch das Hügelland südöstlich von Plaka. Überhaupt ist der Acheloos der wohl derzeit am meisten missverstandene Fluss Griechenlands. Ein Blick in den neuen DKV-Führer lehrt uns schon beim Lesen Mores. Fertige und unfertige Staudämme, Wasserableitungen und Bauruinen. Dazu kaum befahrbare Straßen im Tal, die angeblich vierstündige Umwege erfordern.Foto links: Hat was von Krikello – der Eingang in die Klamm des Agrafiotis.

Wie so oft erschließt sich die Wahrheit auch am Acheloos den Mutigen. Beim Ortsbesuch offenbart sich der Acheloos mit seinem rechten Quellfluss Lakmos in seiner ganzen Schönheit. Das fast völlig unbesiedelte Tal bietet traumhafte Übernachtungsplätze an jeder Ecke. Das Wasser ist ganz sauber und von unwirklichem Blau. Besonders der ziemlich wuchtige Abschnitt vom Zusammenfluss bei Tripotamos bis zur weitgeschwungenen Brücke von Gardiki hat es uns angetan.

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Quelle: Scheuermann Christoph

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Quelle: Salome Fritz

Stets mindestens ein Zweier, oft hart an der Drei, nie fies oder gefährlich – das sind die Merkmale des Acheloos. Doch auch der Folgeabschnitt im breiten Kiesbett weiß zu begeistern: Der Fluss verästelt sich ständig, das Wasser fließt dennoch reichlich und baut sich in einigen Schwällen zu mächtigen Wellenzügen auf. Die Wildheit der Natur erinnert uns an den Tiroler Lech. Die Mündung des Kamnetikos bringt ebenso klares Zuschusswasser und dient uns als schwungvolle Vorfahrt in schöner Schluchtenlandschaft. Auch hier sind Dreierstellen die löbliche Ausnahme, unsere Blicke kleben mehr an der figurenreichen, in allen Rottönen gehaltenen Felsschlucht als sich um Gefahren auf dem Fluss zu sorgen.Mit Spannung erwarten wir die Staumauer von Mesochora. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Reservoir immer noch nicht gefüllt. Die Menschen haben die der Überflutung preisgegebenen Weiler im Talgrund nicht verlassen, leben nach wie vor von Mutter Erde und ihrer Hände Arbeit. Die Staumauer erhebt sich, einer Mahnung an die Industriegesellschaft gleich, wie eine tote Kruste inmitten freigesprengter Steilhänge. Die Mondlandschaft rund um die Wunde wird von Gras und Buschwerk neu erobert, der blaue Fluss verschwindet gurgelnd und ohne Rückstau im Tunnel. Auch jenseits der Betonwand holt sich die Natur zurück, was der Mensch achtlos zurückließ.Foto oben: Kurze Pause an der Mündung des Kamnetikos.Foto links: Wie der Lech, nur ohne Tiroler – der Acheloos oberhalb des Mesochora-Damms.

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Quelle: Salome Fritz

Wir campieren auf einem ehemaligen Werksgelände zwei Kilometer unterhalb des Dammes. Zwischen Baubaracken, Mechanikergruben und weitläufigen Betonflächen finden wir Schutz vor dem aufziehenden Regen.
Am nächsten Tag starten wir die Fahrt direkt unterhab des Grundablasses. Wuchtig und schnell zieht uns der Acheloos zu Tale. Immer wieder bremsen kapitale Surfwellen die Fahrt, entlocken uns Freudenschreie. Die nun im Tal verlaufenden Straße bemerken wir kaum.
Die Ingenieure haben die neue Trasse in lange Tunnels gelegt. Der Shuttle unterhalb Mesochora zählt dadurch zu den zeitlich kürzesten des Landes.
Foto rechts: Besser vorher raus – ungestaut zieht der Acheloos in den Tunnelmund von Mesochora.

Mehrere wuchtige Stromschnellen erreichen bei hohem Wasserstand Wildwasser IV. Der Durchbruch der Skala Gurlinga wird zudem von steilen Wänden flankiert. Hier reicht das Wasser sicher bis in den Juli. Die Fahrt entlang dem nie in Betrieb genommenem Kraftwerk gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen meiner Paddelkarriere. Winzig klein wirken die Boote vor der mächtigen Betonwand. Und doch wissen wir die Kraft des Wassers zu nutzen.

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Quelle: Salome Fritz

Ganz im Gegensatz verschandeln die millionenschweren Betonbauten die Landschaft, ohne bislang auch nur ein Watt Strom erzeugt zu haben. Aber auch das könnte sich bald ändern. Den Aussagen der Kraftwerker nach drängen sowohl mächtige EU-Ausschüsse, vor allem aber auch die deutsche Regierung, auf eine schnelle Inbetriebnahme des gigantisches Kraftwerkskomplex. Offene Fragen nach den Konsequenzen für Natur und Umwelt, die die geplante Ableitung des Acheloos-Wassers zu den Baumwollfeldern Thessaliens bedeuten würde, bleiben freilich nach wie vor unbeantwortet. Nach dem Kraftwerk bei Kapsala schottert der Acheloos aufs Neue auf, pendelt wie schon oberhalb Mesochora in weiten Schwüngen durchs wilde Kiesbett.Foto links: Industrieromantik am Kraftwerk in der Skala Gurlinga

Was wohl auf den nächsten 50 Kilometern folgen mag? Die Karte verzeichnet kaum Zufahrtsmöglichkeiten, der Flussführer weiß von weiteren Hässlichkeiten in Stahl und Beton zu berichten. Doch so ganz glauben wollen wir ihnen nicht, den pessimischtischen Vorsehungen früherer Paddler. Hat der Acheloos doch Beharrlichkeit bewiesen. Das Grün bislang über betongraues Einerlei triumphiert. Erfahren werden wir's wohl nur, wenn wir es den Pionieren vergangener Jahrzehnt gleichtun und uns mit leichtem Boot den Schluchten anvertrauen. Ein Projekt fürs nächste Frühjahr?

Für alle, die Lust bekommen haben: Auch wenn sich Toros Outdoors nicht gleich in »Pindos Outdoors« umbenennt, werden Scheuer und Salome ab Oktober mit ihrer Kanuschule immer mal wieder in Griechenland unterwegs sein. In der Planung sind sowohl ein Herbstcamp Ende Oktober wie auch geführte Touren im April und Mai. Die Termine findet ihr in Kürze auf www.toros-outdoors.de.

Web-Infos:
Nikos' Hotel Teloneio in Plaka

Mehr zum totgesagten Acheloos im European Rivers Board: www.toros-outdoors.de/forum/viewtopic.php?f=3&t=19

Text: Christoph Scheuermann | Toros Outdoors

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