Eine Reise ins alte Königreich Ungarn – Wildwasser in der Ukraine

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Walter Mück ist ein echter Osteuropa-Fuchs. In jungen Jahren erkundete er mit Paddellegende Hans Matz den Balkan, und auch viele Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, weist der Weg von Wien aus meist nach Osten. Im Frühjahr 2015 hat der Niederösterreicher sich sich gemeinsam mit den Kollegen vom Kajak Club Gars aufgemacht ins Stromgebiet der Theiss. Im ländlichen Süden der Ukraine erblicken abenteuerlustige Paddler eine wenig bekannte Perspektive auf Europa – und entdecken nebenbei ursprüngliches Wildwasser.

Ende April wollten wir mit neun Paddlern in das rumänische Bihargebirge, also ins zentrale Siebenbürgen, reisen. Doch die Wasserstände sanken beständig, so dass zum Abfahrtstermin keine Hoffnung mehr auf befahrbare Flüsse bestand. Ein Notprogramm musste her, ohne die Himmelsrichtung wesentlich zu ändern. Ein Blick auf die slowakische Paddlerseite zeigte, dass der Oberlauf des Hron gerade noch ausreichend Wasser führte.
 

Auf guter, oft ganz neuer Autobahn erreichen wir also Banska Bystrica und wenig später Brezno am Südhang der Niederen Tatra. Noch am Nachmittag paddeln wir die 16 km lange Strecke ab Polomka, welche nach anfänglicher Ausleitung doch noch schöne Strömung in netter Landschaft bringt (WW I, Pegel Polomka 58 cm, etwa 12 m3/s). Im schönen Ortskern von Brezno finden wir das alte Hotel »Dumbier« und die Pizzeria »Tutti«. Für Heiterkeit ist jedenfalls gesorgt.

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Quelle: www.ktv-gars.at

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Morgens brechen wir zeitig auf und durchqueren die Ausläufer des Gebirges Richtung Miskolc in Ungarn. In Tokaj halten wir zur Mittagsrast am Zusammenfluss von Bodrog und Theiß, in deren Quellgebiet wir unsere Fahrten planen. Abends erreichen wir die rumänische Grenze und steuern kurz vor Baia Mare unser vertrautes Hotel, in dem wir bereits 2011 gastierten. Das Personal scheint auf uns gewartet zu haben, wir sind wieder bestens versorgt. Am Morgen starten wir zur großen Lapus-Schlucht auf, diesmal finden wir die Einbootstelle bei Razoare schnell und haben auch zwei erfahrene Chauffeure dabei. Der Wasserstand ist mit 14 m3/s (Pegel Hagymaslapos / Lapusel 85 cm) noch ausreichen.Bei schönem Wetter starten wir, leider erst um 12 Uhr, in die tiefe Waldschlucht. Ein Eingangskatarakt (WW II) überrascht, dann geht es gemütlich durch eine der größten einsamen Schluchtstrecken Osteuropas! Nach einer Rast bei einer Brücke folgt eine lange Felsgasse, welche bei Niederwasser sogar technisch reizvoller erscheint, leichtes WW III fordert sogar ein kurzes Opfer. Für die 27 km lange Strecke bis zur ersten Zufahrt bei Ciolt benötigen wir über 5 Stunden, so dass für den zweiten Abschnitt leider keine Zeit mehr bleibt.Beim Abendessen beschließen wir einstimmig, schon am nächsten Tag in die Ukraine zu wechseln, wo die Wasserstände der Theiß vielversprechend sind.

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Quelle: www.ktv-gars.at

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Über eine uralte Brücke in die Ukraine

Über die endlos erscheinenden Serpentinen des Gutai Passes (987m) geht es ins Tal der Mara, heuer leider zu wenig Wasser. In Sighetu Marmatiei haben wir schon vor vier Jahren den kleinen Grenzübergang über die Theiß erkundet, dennoch macht es Mühe, ihn zu finden. Vor einer uralten, schmalen Brücke über die Theiß müssen wir uns in eine kurze Schlange einreihen, dann heißt es warten. Jeweils sechs Autos werden abgefertigt, durchwegs lokale Grenzgänger.

Nach einer halben Stunde entlässt uns der Rumäne Richtung Ukraine. Dort staunen die Beamten nicht schlecht über den ausländischen Konvoi, immerhin mit Bootsanhänger samt acht Kajaks! Irgendwie geht es auch ohne Englisch und nach einer weiteren halben Stunde sind wir am rechten Ufer. Die Hauptstraße flussauf ist in leidlichem Zustand, bald erreichen wir den »Mittelpunkt Europas«, ein Vermessungsstein meiner Vorgänger samt Restaurant und Souvenirläden. Zum Essen ist aber keine Zeit, wir wollen ja noch die Weiße Theiß paddeln.

In Rahiv beziehen wir unser altes Hotel »Tisa«. Auch hier sind wir schon in früheren Jahren abgestiegen, zuletzt waren wir 2007 in der Region. Wiederum ist das Personal mit Fremdsprachen schwer überfordert. Endlich sind wir am Zusammenfluss von Schwarzer und Weißer Theiß, beide führen sehr gutes Wasser. Die Straße flussauf ist schlechter als in den Vorjahren, im Schritttempo quälen wir uns voran und beschließen bereits nach 11 km an der Mündung des Pogdan Baches einzubooten. Fast 30 m3/s führt die Weiße Theiß, welche am höchsten Gipfel der Ukraine (Hoverla, 2061 m) entspringt. Gleich um die Kurve erinnere ich mich an die Hängebrücke, da war doch so eine Rippe im Fluss? Von den Felsen ist nichts mehr zu sehen, dafür verlangen zwei wuchtige Walzen kurze Beachtung. Die Bevölkerung am Ufer ist begeistert, die Kinder begleiten uns mit Fahrrädern. Rasant geht die Fahrt auf WW II-III durch das dicht besiedelte Tal, viel zu schnell sind wir am Zusammenfluss. Abends spazieren wir durch Rahiv, man merkt die wirtschaftliche Notlage, Plakate zeigen die Helden des Krieges in der Ostukraine. In einem netten Restaurant am Hauptplatz kämpfen wir mit der kyrillischen Speisekarte, sieben hungrige Paddler warten auf meine Übersetzungsversuche, letztlich werden doch alle satt.

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Kleinflussprogramm auf der Laseschina

In der Nacht hat es geregnet, der angekündigte Wettersturz hat uns eingeholt. Wir wollen den Oberlauf der Schwarzen Theiß paddeln, der Wasserstand passt (Pegel Rahiv 190 cm, gut beim ungarischen Pegeldienst www.hydroinfo.hu/Html/hidinfo/tokajig.html zu sehen). Unterwegs treffen wir die einzigen Paddler auf unserer Reise, sie kommen aus Kiew und Odessa, um mit Katarafts und Kajak die Schlüsselstellen zu filmen. In Jasinja mündet die Laseschina, sie überrascht uns mit ausreichend Wasser (etwa 5 m3/s). Spontan beschließen wir, diesen Nebenbach zu probieren. Die Hauptstraße führt den Bach entlang aufwärts zum 931 m hohen Jablunka-Pass, welcher einst Ungarn vom österreichischen Galizien trennte. Sechs Kilometer oberhalb der Mündung booten wir an der nächsten Brücke ein. Vom satten Grün der ungarischen Tiefebene ist hier nichts mehr zu sehen, die Kirschblüte hat noch nicht begonnen, bei acht Grad Lufttemperatur starten wir. Wir rumpeln über zahlreiche Felsrippen, gelegentlich zeigt sich der Bach verspielt mit kleinen Schwällen, WW I-II. Ab der Mündung führt die Schwarze Theiß bereits rund 15 m3/s, wir paddeln durch ein weites Tal der Schlucht entgegen, wo wir vor den bekannten Problemstellen ausbooten. Nur Michael und Günther wollen die Felsrippen mit WW IV befahren, wir filmen und fotografieren die perfekte Fahrt von der Straße aus. An der Mündung der Weißen Theiß sind sie etwas durchgefroren, aber zufrieden.

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Am nächsten Tag ist die vereinte Theiß am Programm, unterhalb von Rahiv booten unsere Paddler ein, ich begleite sie zehn km bis zum »Zentrum Europas« in Dilove. Einige wuchtige Schwälle (WW II-III) haben sie zu meistern, dafür wird die Vegetation wieder grüner. Jetzt haben wir Zeit zu gemütlicher Mittagsrast, Borscht und Grillplatte lassen keine Sonderwünsche aufkommen. Ein Museum zeigt Naturschönheiten und altes Handwerk, wir erhalten eine Urkunde über den Besuch des Zentrums. Ich erfahre, dass der k.u.k. Hauptmann Netuschill, Offizier des Militärgeographischen Institutes (Vorgänger meines Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen), hier im Jahr 1887 das Zentrum Europas ermittelt hat, indem er die Kreisbögen vom Nordkap zum Peleponnes und von der Bretagne zum Ural miteinander zum Schnitt gebracht hat. Je nach Methode gibt es solche Mittelpunkte von Litauen bis Bayern zahlreich. Meine Freunde nutzen die einzige Gelegenheit, Souvenirs einzukaufen, es gibt Holzschnitzereien, Schafwollprodukte und allerlei Kitsch. Nachdem ich schon hundert Meter oberhalb des Zentrums einen Grenzvorposten passiert habe, ist von einer Weiterfahrt auf der Theiß dringend abzuraten, das linke Ufer wird bald rumänisch! Schade, denn die folgenden 40 km bieten durchaus noch schönes leichtes Wildwasser, gemeinsam mit der Wischau schon über 100 m3/s im Frühjahr! Leider muss man die noch 2007 geäußerte Hoffnung auf ein friedliches Nebeneinander von Ukrainern, Russen und EU weit zurücksetzen.

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Quelle: www.ktv-gars.at

Invasive Holzwirtschaft und Bergtouren im Panzer

Nachmittags biegen wir in das Tal der Teresva ein, welche mit reichlich Wasser vom Norden in die Theiß mündet. Das Tal wurde von Kaiserin Maria Theresia mit Holzfällern aus dem Salzkammergut besiedelt und nach ihr benannt. Nur 48 km sind es bis Ust Corna, dem deutschen Königsfeld, doch die Straße hat es in sich! Schwer beladene Holztransporter zerstören jeden Unterbau, ab Dubove geht es nur mehr im Schritttempo voran. In Königsfeld halten wir beim Magazin "Bad Ischl" und treffen tatsächlich einige deutschsprachige Einwohner.

Ihre Lage ist wenig erfreulich, die Holzwirtschaft wird von Konzernen abgewickelt, viele flüchten aus dem Dorf. Unser altes Gruselhotel ist inzwischen endgültig »kaputt«, aber wir finden sofort eine neuerbaute Luxusanlage www.borkut.org.ua direkt am Zusammenfluss der beiden Quellflüsse. Angeboten werden hier Bergtouren zu Fuß, mit Quad oder auch Panzer! Schade, dass wir keine Zeit mehr für Erkundung der Oberläufe haben, da wäre noch viel drinnen! 
Am 1. Mai starten wir vom Hotel weg, rund 30 m3/s klares Wasser sorgen für flotte Fahrt. Nur wenige Felsrippen (WW II-III) erfordern Aufmerksamkeit, nach 15 km wechseln wir vor Krasna die Begleitfahrer. Die letzten 8 km bis Dubove sind nur vom Auto besichtigt, kurz ober der Brücke in Dubove warte ich mit der Kamera, eine V-förmige Felsrippe zwängt den Fluss zusammen. Fast alle meistern die mächtige Walze,  ein Schwimmer wird schnell versorgt. Umschart von duzenden Kindern beenden wir unsere Fahrt, sicher wäre auch noch die 18 km lange Folgestrecke bis zur nächsten Brücke lohnend.

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Wir aber wollen heute noch über die Grenze nach Ungarn und wählen den Grenzübergang bei Berehove. Nach anfänglich guter Hauptstraße wird der Abkürzer über Velyki Berehy nochmals zur Härteprobe, mit Schlaglöchern und Kuhherden verabschiedet uns die Ukraine. Der Grenzübertritt erfordert wieder eine Stunde Geduld, dann sind wir in der EU und nach kurzer Fahrt in einem ungarischen Hotel. Govorite pa russki, fragt die Rezeptionistin, ganz im Westen sind wir ja doch noch nicht. Am Morgen erreichen wir schon nach 20 km die nagelneue Autobahn M3 und sind 6 Stunden später nach 550 km in Wien! Wir haben 4 Länder in 8 Tagen bereist, ein Niedrigstpreisurlaub mit hohem Erlebniswert. Gemeinsam mit den Befahrungen der Pinka und Güns 2014 im Burgenland, früher Westungarn, haben wir also wirklich die Wildwasser des alten Ungarn aufgespürt!

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TrustedPaddler
Diplom-Geograph, fester Autor fürs KANU-Magazin, Südosteuropa-Spezialist, Kajakreiseveranstalter und vor allem seit 25 Jahren so oft es geht im Boot. Der Genuss auf dem Wasser zu sein, gemeinsam mit alten und neuen Freunden, darüber zu schreiben, sich connecten. Love it! Für alles weitere .

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