Muren bauen die »Schulser« um

Der Inn im Engadin

13 Murabgänge haben an zwei Tagen im Juli Teile des Gemeinde Scoul in eine Stein- und Schlammwüste verwandelt. Die gewaltigen Schuttströme reichen bis in den Inn, wo sich Kajakfahrer auf erhebliche Veränderungen einstellen müssen. 4-Paddlers hat sich die Situation vor Ort angesehen.

Muren bauen die »Schulser« um
Artikel Der Inn im Engadin – Muren bauen die »Schulser« um Inn

Quelle: Christoph Scheuermann

Als Jahrhundertereignis bezeichnet der Scoulser Bauamtsleiter Jon Carl Stecher in der Neuen Zürcher Zeitung die Häufung der verheerenden Murabgänge im Gemeindegebiet. Ein gutes Dutzend Muren haben sich am 22. und 23. Juli mit ganzer Gewalt Richtung Inn geschoben. Die Schuttströme verließen dabei ihre Bachbetten, rissen Brücken, Straßen und Autos mit. Das Dorf Pradella nahe des gleichnamigen Stausees wurde von einer Mure gleichsam zweigeteilt. 140 Menschen wurden dort evakuiert, glücklicherweise gab es keine Verletzten. Das bei Scoul nach Süden abzweigende S-charl-Tal war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, Touristen wurden ausgeflogen, Einheimische mittels Luftbrücke versorgt.
Foto rechts: Es war einmal ein Bagger ... Der aus dem Kies ragende Baggerarm zeugt vom vergeblichen Versuch, dieser Mure zu Leibe zu rücken.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Diese Mure schob sich einige Kilometer vor Scoul, noch vor dem zweiten schwereren Schwall, von Süden in den Inn. Der daruas folgende Schwall ist problemlos zu befahren.

Muren verwandeln Inn in Kiesbettautobahn

Die Sedimentfracht aus dem Val S-charl hat nicht nur die Zufahrtsstraße in Mitleidenschaft gezogen, auch der Inn präsentiert sich unterhalb der Mündung der Clemgia als neuer Fluss. Unmengen an Kies haben die folgenden 400 Meter in eine »Kiesbettautobahn« verwandelt. Ohne Pool und Pause, und gänzlich ohne bremsende Blöcke schießen die Boote durchs Kiesbett Richtung der markanten, auf einem Sporn liegenden Kirche von Scoul. Lediglich die vom Ufer ins aufgeschotterte Innbett ragenden Bäume erfordern Sicherheitsabstand.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Viel viel Schotter hat die Clemgia in den Inn verfrachtet. Die entstandene »Kiesbettautobahn« hat durchaus ihren Reiz.

»Against the Wall« ist Geschichte

Insgesamt vier Muren haben sich entlang der beliebten »Schulser« in den Inn ergossen, deren letzte den Fluss auf Höhe des letzten Kataraktes erreichte. Dieser letzte Höhepunkt mit dem bezeichnenden Namen »Against the Wall« (WW IV+) ist seit dem verhängnisvollen Unwetter komplett verschwunden. Der rechte Zubringer, der diese Stelle seit jeher mit Geschiebe füttert, hat einen massiven Geschiebekegel aufgeschoben und den Inn zu einem etwa 400 Meter langen See angestaut. Beide Straßenbrücken spannen sich über den neu entstandenen Stau. Der Inn bricht sich durch den Schuttkegel mit einem steilen Schwall im vierten Grad. Von einer Befahrung ist dringend abzuraten: Neben ziemlich viel Holz hat der hart nach links verschobene Inn Teile des dort befindlichen Baulagers mitgerissen. Im Katarakt befinden sich massive Metallplatten und Eisenschrott.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Der neu entstandene See und die Mure am Ausstieg der »Schulser«.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Ein provisorischer Ausstieg wurde flussrechts an der ersten Brücke errichtet. Diese erreicht man, wenn man den Schildern Richtung S-charl folgt. Bitte nicht an der Brücke parken, sondern ca. 100 Meter vorher am Hügel. An der Brücke wird auf eine Absenkung des Wehres von Pradella hingewiesen. Vermutlich wird das eingetragende Sediment dort regelmäßig ins Unterwasser gespült.Foto links: Die erste der beiden Brücken über den neu entstandenen See. Der Ausstieg befindet sich nach der Brücke rechts. 

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Flankiert von Bäumen und einem gefährlich nah an den Fluss gerückten Strommast poltert der Inn durch den Murkegel.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Lkws transportieren seit Tagen Geröll in den Inn. Angeblich soll der Fluss durch den Geschiebeeintrag zum rechten Ufer hin verschoben werden.

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Quelle: Christoph Scheuermann

Foto oben: Natur oder Schrottplatz? Vom Paddeln ist hier jedenfalls vorerst abzuraten.

Klemmgefahr auf der »Ardezer«

Die oberhalb liegenden Strecken um Susch, Giarsun und Ardez sind nicht von Murabgängen betroffen. Vorsicht geboten ist jedoch in der Ardezer Schlucht: In der ersten Stelle nach dem »Bockschlitz« haben vom linken Ufer herabgestürzte Felsen die Durchfahrt gefährlich verengt. Die bei Nieder- und Mittelwasser klemmgefährliche Passage befindet sich unmittelbar hinter einer scharfen Rechtskurve, von dem kleinen, linksufrigen Kehrwasser direkt davor lässt sich die Situation überblicken (Stand: 3.8.15,. Pegel Tarasp 20 Kubik).

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TrustedPaddler
Diplom-Geograph, fester Autor fürs KANU-Magazin, Südosteuropa-Spezialist, Kajakreiseveranstalter und vor allem seit 25 Jahren so oft es geht im Boot. Der Genuss auf dem Wasser zu sein, gemeinsam mit alten und neuen Freunden, darüber zu schreiben, sich connecten. Love it! Für alles weitere .

3 Kommentare

  1. Muren bauen die »Schulser« um
    Gunnar Witschivor 4 Jahren

    Klemmgefahr Ardez: Genau unterhalb der Hängebrücke vor dem Himmelsgucker bin ich bei ca 25m3 kopfüber eingeklemmt worden. Ich konnte unter dem Boot und dem grossen Stein wegtauchen. Danach hat sich das Boot fast ganz unter den grossen Stein in der Mitte geschoben. Stelle bei diesem Wasserstand lieber recht vom grrossen Stein boofen oder ganz links runterholpern.

  2. no-avatar

    Kann jemand die aktuelle Beschaffenheit des Flussbettes beschreiben?
    Sind die Etappen Giarsun, Ardez und Scuol inzwischen wieder befahrbar?

    In der Hoffnung auf einen Kommentar sage ich schon einmal sportlich-herzlichen Dank!

  3. no-avatar
    Katharina Kajakvor 4 Jahren

    Hallo Volker,

    durch die Grosse Mure bei Scuol wurde ein Abfluss gebaggert, so dass der grosse See inzwischen nur noch klein ist. An den Bäumen ist noch zu sehen wie hoch das Waser stand: es muss bis kurz unter die Brücke gegangen sein.

    Durch den Stau des Flusses hat sich neben den Muren auch noch viel Geschiebe im Flussbett abgelagert: "Kiesbettautobahn". Allerdings verändert sich der Fluss von Woche zu Woche und nach jedem Hochwasser.

    Wir sind vor der grossen Mure ausgestiegen.

    Die Girasun-Schluch sind wir problemlos gefahren, dort war nichts ungewöhnliches. Die Ardezer Strecke bin ich nicht gefahren. (Stand Mitte September 2015).

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