Sommer auf Norwegisch

Mehr Paddeln geht nicht!

Vier Wochen lang ist die Tiroler Kajakschule Source2Sea diesen Sommer durch Norwegen getourt – epische Landschaften, frische Temperaturen und knackiges Wildwasser inklusive. Anja Klotz war dabei.

Sommer auf Norwegisch
Artikel Sommer auf Norwegisch – Mehr Paddeln geht nicht! Norwegen

Quelle: Source2Sea

Das lange Gras am Ufer des Lågen ist vom Hochwasser noch flach zur Seite gekämmt, als wir unser erstes Camp einrichten, kurz unterhalb der Mündung der Sjoa. Sie ist unser erstes Ziel. Vier Wochen Creeken bietet die Tiroler Kajakschule Source2Sea diesen Sommer im skandinavischen Königreich an, die ersten zwei Wochen bin ich dabei. Nach gefühlten hundert Stunden Anfahrt booten wir auf dem legendären Sjoa Playrun ein, der uns mit rund 80 Kubik schnell wieder aufweckt. Noch wissen wir nicht, was die Kajaklehrer-Crew morgen mit uns vorhat und genießen unsere eigenen Linien durch Wellen und Walzen. Am Tag darauf allerdings wird die ganze Gruppe gesichtet, um das paddlerische Können anzuschauen.Foto links: Mit Schmackes auf der Sjoa.

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Quelle: Souce2Sea

Foto oben. Flippt auch schonmal die Granate – ein mächtiges Kaliber auf der Sjoa.

Gleich zu Beginn haben wir gestern rechts gechickt – übrigens alle  ! Heute wird die dicke Walze links davon verbal als »brechende Welle« verniedlicht und wir schärfen den Blick für die unruhige Zone, in der die Durchfahrt gelingen kann. Einer nach dem anderen fährt, kerzelt, rollt, fährt noch einmal. Ich finde das sehr adrenalinig, aber auch sehr cool, denn die Linie funktioniert und lässt sich sicher auch für andere »brechende Wellen« nutzen.

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Foto oben: Beweideter Zeltplatz oder bezeltete Weide? Man kommt miteinander aus im norwegischen Hochland.

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Foto oben: Safety first! Technische Kombi auf der Store Ula.

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Das nächste Highlight ist die Store Ula. Wir fahren die geschotterte Mautstraße hoch bis zu einem offenen Wanderparkplatz. Außer einer baumlosen Hochebene mit Flechten und Kraut ist nichts zu sehen, aber ich erinnere mich an Fotos von Wanderern mit Kajak auf der Schulter in dieser Postkartenlandschaft. Bei knapp acht Grad Außentemperatur ziehen wir uns um und genießen den galaktischen anmutenden Start im Fjäll. Nach einigen Stufen kommt die einzigartige Kernstelle, ein Slide mit Überlänge, Linksknick und Abschlussstufe. Nach der ersten Hälfte wartet für alle, die einen Hauch zu weit rechts fahren, eine klebrige Walze vor unterspültem Grundgestein. Prompt bleibt eine Granate - nein, sie war nicht rosa  - dort hängen und wird herausgezogen. Auch danach bleibt es tricky. Ein Prallpolster der Größe XXL möchte hochgefahren und nach links abgeritten werden; dann gilt es, eine kleine Walze zu durchstechen und die druckvolle Stufe ganz links mit einem gekonnten Boofschlag rechts anzuschneiden. Wer das Kehrwasser verpasst, hofft auf die letzte, gekonnte Sicherung vor dem Wasserfall. Die Gruppe ist zweigeteilt: Begeisterte Helden tragen hier immer wieder hoch, während respekterfüllte Zauderer auf dem sumpfigen Wanderweg direkt an der Wasserkante ihr Boot nach unten tragen. Was für ein Bach!Foto oben: Kleinflussidylle auf der Hira.

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Foto oben: Einarmig durch das stufige Wildwasser der Hira.

Die Hira hingegen gibt sich als unscheinbares kleines Bächlein, umgeben von Hochmooren. Ich komme mir vor wie als Kind beim Familienpaddeln in der Lüneburger Heide - bis die erste Abrisskante auftaucht. Vier Meter geht es hier runter, unten wartet ein kreisrunder Tumpf auf unsere Action. Ein idealer Spot zum Trainieren! Wir üben zu boofen und rückenschonend zu landen. Unser Open Boater trainiert den Boof im Übergriff. Ein Schäfer schaut uns gebannt von oben zu. Knapp 20 paddelnde Touristen, die sich immer wieder den Wasserfall hinunterstürzen, sieht er vermutlich selten.

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Foto oben: Creeken auf der Hira.

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Durch den Tag auf der Hira sauber vorbereitet, steuern wir nun die gut gefüllte Etna an. Sprachwissenschaftlich unterscheidet sich das norwegische Etna angeblich als „die gleichbleibende Freundin“ vom italienischen Etna »die hinabstürzt/-schleudert«. Ich bin mir da nicht so sicher. Und siehe da, weder gleichbleibend noch Freundin sind Attribute, die ich der Etna verpassen würde. Längere WW-II-Passagen wechseln mit wuchtigen Katarakten – und mit anspruchsvollen, gefällstarken Doppelstufen. In einer mäßig schweren Stelle versaue ich die Linie, touchiere unter Wasser Grundgestein und steige aus. Peinlich. Und wieso kommen die anderen Gruppen genau in dem Moment vorbei, als ich mein Boot ausleere?Foto links: Komplexe Stufe auf der Etna. 

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Foto oben: Die Linie gleicht einem Tanz auf dem Vulkan: wuchtiger Drop auf der Etna.

Artikel Sommer auf Norwegisch – Mehr Paddeln geht nicht! Otta

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Foto oben: Das weite Flussbett der Otta.Doch mir ist nichts passiert. In der nächsten Linkskurve erwartet uns wieder eine druckvolle Abrisskante, die rund zwei Meter weiter unten erneut abbricht, dieses Mal in teilweise steckgefährliches Unterwasser. Die empfohlene Route ist rechts, bei dem hohen Wasserstand sieht links auch machbar aus. Noch während wir besichtigen, fährt eine andere Gruppe links hinunter und prompt verpasst einer von ihnen die Anfahrt zur zweiten Stufe. Presswasser versetzen ihn, zum Glück genau soo weit nach rechts, dass er zwischen zwei Steinen im Unterwasser hindurchsticht. Er paddelt weiter und merkt vermutlich gar nichts von unserer Aufregung am Ufer. Wir fahren daraufhin alle rechts an … Noch mehr lange Tage an wuchtigen Durchbruchpassagen und noch mehr kurze Nächte, die nie wirklich dunkel werden, schließen sich an. Es ist gewaltig. Viel zu früh bringt der Kanuschulbus mich zum Bahnhof in Otta. Aus dem Zugfenster sehe ich hinaus ins grün-blaue Norwegen mit den roten Tupfen der Blockhütten. Norwegen, wir sehen uns wieder.Text: Anja KlotzFotos: Kristin Reichel, Urs Stotz  

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TrustedPaddler
Diplom-Geograph, fester Autor fürs KANU-Magazin, Südosteuropa-Spezialist, Kajakreiseveranstalter und vor allem seit 25 Jahren so oft es geht im Boot. Der Genuss auf dem Wasser zu sein, gemeinsam mit alten und neuen Freunden, darüber zu schreiben, sich connecten. Love it! Für alles weitere .

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