Tödlicher Kajakunfall auf der Alb am 17.4.2016

Unfallbeschreibung

Auf der Alb im Südschwarzwald ist am 17.4.2016 ein Kajakfahrer ertrunken. Eine detaillierte Beschreibung des Unfallhergangs von Jochen Müller, Steffen Schuelein und Seppi Strohmeier.

mittlere alb Schwarzwald

(Beispielhaftes Bild aus der Schlucht – Abschnitt Mittlere Alb – ohne Verbindung zum Unfall | Foto: Jakob Käfer)
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Der tragische Unfall wird in den Medien (z.B. Badische Zeitung) leider völlig falsch dargestellt. In der Berichterstattung ist einerseits von einer fahrlässigen Hochwasserfahrt und einer verantwortungslosen Gruppe die Rede, andererseits wird der Unfallhergang falsch beschrieben (Kenterung und Verletzungen). Damit ist den Angehörigen des Verunglückten und auch ganz allgemein uns Kajakfahrern nicht gedient. Es verhindert auch, solche Situationen in Zukunft besser einzuschätzen und hoffentlich zu vermeiden.
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Zunächst einmal: Die untere Albschlucht ist ein schweres, gefährliches Wildwasser mit Baumhindernissen und Siphonen. Das wussten alle, die dort hineinfuhren. Alle waren aber auch schon schwerere Flüsse gefahren und hatten viel Erfahrung. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüssen in der Region führte die Alb an diesem Tag kein Hochwasser, sondern Mittelwasser (gelbe Markierung am unteren Pegel an der Brücke in Tiefenstein).
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Die Befahrung war nicht fahrlässig. Alle waren fit genug. Die zunächst achtköpfige Gruppe startete mit dem Abschnitt der Mittleren Alb. Am Ausstieg in Tiefenstein entschieden sich fünf Gruppenmitglieder für eine Weiterfahrt durch die Untere Albschlucht. Zwei der Gruppenmitglieder hatten diese Strecke bereits am Vortag befahren (übrigens ebenso wie die drei, die nach der Mittleren aufgehört hatten). Bis zur Unfallstelle verlief die Fahrt reibungslos. Keiner der Kajakfahrer hatte Schwierigkeiten mit dem vorgefundenen Wildwasser.
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Bei der Unfallstelle handelt es sich um eine verblockte Stromschnelle WW IV, deren Ausfahrt an der rechtsseitigen Felswand durch einen schräg im Wasser stehenden Baum verengt wird. Links davon ermöglicht ein ca. 2-3 m breiter Durchlass zwischen Baum und Ufer die Befahrung mit dem Kajak. Nach der Besprechung der Route fuhren zwei Paddler voraus und sicherten die Stelle ab; eine Person im Boot sitzend, die andere mit Wurfsack (Rettungsseil) vom Ufer aus.
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Im Gegensatz zur fälschlichen Darstellung in den Medien, war der verunfallte Paddler bei seiner Befahrung nicht gekentert, sondern er wurde in starker Strömung quer vor den senkrecht stehenden Baum gedrückt, dort eingeklemmt und in Rücklage unter Wasser gedrückt. Dabei wurde die Ausstiegsluke des Kajaks vor seinem Bauch durch den Baum blockiert, so dass er sich nicht aus dem Boot befreien konnte.
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Die Sichernden waren sofort aktiv. Der verunfallte Paddler bekam noch die Bootspitze des von unten hochgepaddelten Sicherungs-Kajaks zu fassen und konnte dadurch kurzzeitig den Kopf an der Wasseroberfläche halten, sich aber weder daran, noch am vom Ufer zugeworfenen Wurfsack aus dem Boot ziehen. Als ihm die Kräfte schwanden wurde er von der Strömung unter Wasser gedrückt. Von einem angeseiltem Springer wurde sofort mehrfach erfolglos versucht, den verkeilten Paddler aus dem Boot zu ziehen. Dabei rutschte ihm die Schwimmweste über den Kopf, er konnte jedoch nicht befreit werden.
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Es gelang dann, einen weiteren Wurfsack an den Haltegriffen des Bootes einzuklinken, allerdings konnte das Boot nicht einmal mit Flaschenzug (Umlenkrolle) und drei mit aller Kraft ziehenden Personen bewegt werden. Durch den Wasserdruck war es für den Springer nicht möglich, ein Seil am unter Wasser liegenden Körper des Verklemmten zu befestigen. Erst nach zirka 45 Minuten und dem Einsatz von Flaschenzügen in unterschiedlichen Richtungen konnte das Boot wenigstens ein paar Zentimeter bewegt werden, so dass die Spritzdecke befreit werden konnte und der verkeilte Paddler mit einem Seil an der Spritzdecke und einem Springer im Wasser aus dem Boot gezogen werden konnte.
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Die sofort eingeleiteten Wiederbelebungsmaßnahmen wurden bis zum Abtransport mit dem Helikopter durchgeführt, blieben aber leider erfolglos. Niemand ist ab der Unfallstelle weitergepaddelt, wie in der Zeitung berichtet wird. Der Notruf wurde nach ca. 5 min abgesetzt indem eine Paddlerin aus der Gruppe zu Fuß Netzempfang gesucht hat. Der Helikopter traf nach ca. 1 Stunde in der unzugänglichen Schlucht ein. Die restlichen vier Gruppenmitglieder konnten mit Hilfe der Bergwacht aus der Schlucht klettern.
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Soweit zum Unfallhergang aus der Perspektive der Paddlergruppe. Es bleiben natürlich viele Hätte- und Was-Wäre-Wenn-Fragen und schreckliche Bilder... Der Verlust eines engen Freundes ist unerträglich. Die traurige Erkenntnis aus dem Ereignis: trotz erfahrener Gruppe, doppelt abgesicherter Stelle, vorhandener Sicherheitsausrüstung bis hin zum Flaschenzug, und trotz zügig alarmierter Bergrettung, kam für den verunglückten Paddler jede Hilfe zu spät. Gegen die Gewalt des Wassers kann der Mensch im Ernstfall weniger ausrichten, als er es sich wünscht.
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Deshalb wieder mal der Appell an alle Wildwasserfahrer: rüstet Euch gut aus mit alpiner Sicherungstechnik- und Material und übt den Einsatz (z.B. Spaltenbergung, Auf- und Abseilen, Flaschenzug), macht Partnerchecks was Wurfsack, erste Hilfe, festgezogene Schwimmwesten und gut sitzende Helme betrifft. Nehmt euch die Zeit für einen Erste Hilfe- und Bergrettungs-Lehrgang. Niemand sollte im Ernstfall ahnungslos daneben sitzen müssen.

Beschreibung: Jochen Müller, Steffen Schuelein und Seppi Strohmeier

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8 Kommentare

  1. TrustedPaddler
    Martin206vor 1 Jahr

    Zuerst mal: Mein Beileid. Schade daß sowas passiert ist. :o(

    Hab mich nach dem Lesen an meinen letzten Schwimmer erinnert und - nicht zuletzt wg. Eurem Schlußsatz - eben zu einem spez. 1. Hilfekurse für Paddler angemeldet (wollt ich ja schon lange...).

    Vielen Dank für diesen aufklärenden Beitrag.

    Grüsse
    -Martin-

  2. TrustedPaddler
    Ulrike Preimlvor 1 Jahr

    Wirklich tragisch - Bäume können selbst guten und erfahrenen Paddlern zum Verhängnis werden.
    Danke für den detaillierten Unfallbericht, damit man daraus lernen kann.
    Wenn aber selbst ein Springer und Flaschenzüge den Verunfallten nicht rechtzeitig bergen können und man wieder einmal die Wasserwucht vor Augen geführt bekommt, so kann man für sich nur eines daraus ableiten: Keine Befahrung wenn Bäume so im Wasser liegen, dass man bei falscher Linie oder Kenterung zu ihnen hingeschwemmt werden kann.
    Mein Beileid allen Angehörigen und Freunden!
    Ulli

  3. TrustedPaddler
    Davydova Elenavor 1 Jahr

    Zuerst mal: Mein Beileid. Schade daß sowas passiert ist. :o(
    Obwoll war: "...zwei Paddler voraus und sicherten die Stelle ab; eine Person im Boot sitzend, die andere mit Wurfsack (Rettungsseil) vom Ufer aus..."
    "Der Notruf wurde nach ca. 5 min abgesetzt indem eine Paddlerin aus der Gruppe zu Fuß Netzempfang gesucht hat. "
    "Die Sichernden waren sofort aktiv."
    Unser Sohn hatte keine Hielfe von Gruppe bekommen haben - es war 15.05.2013, LUbaye, Frankreich. Nimand hatte Notruf angerufen.

  4. TrustedPaddler
    Paul Peselvor 1 Jahr

    Zunächst mein tiefes Mitgefühl an die Angehörigen und Kameraden. Der Betroffene wird schreckliche Sekunden / Minuten in Hoffnung eines glücklichen Ausgangs erlebt haben.
    Ich selbst bin Paddler der 'mäßigen Kategorie' mit Grenze WW III, doch kann ich mitreden, besonders welche Unerbittlichkeit das Wasser produziert.
    Selbst kam ich 2 mal in sehr bedenkliche Situationen, davon eine in selbst verschuldete Lebensgefahr (Schrägwalze). Mir war danach das Kajak-Fahren für 3 Jahre vergangen.
    Auch ich verabscheue aufreißerische Berichte von sog. Journalisten, die meist nicht mal richtig lesen oder schreiben können (am Unfallauto steht FIAT Panda, im Bericht FIAT Punto) und alles besser wissen.
    Genaue Analyse dieses Unfalls ist erforderlich, jedoch wie ich diese Darstellung lese, bleibt das geringe Restrisko, dem sich jeder unterwirft, wenn er ein sportliches Abenteuer unternimmt.
    So wie ich dies sehe, haben alle Kameraden von Anbeginn das Richtige unternommen - und dies ist wirklich ein Schickssals-Ereignis.
    Bleibt gesund und seid beschützt von weiteren negativen Ereignissen.

  5. TrustedPaddler
    Paul Peselvor 1 Jahr

    Zunächst mein tiefes Mitgefühl an die Angehörigen und Kameraden. Der Betroffene wird schreckliche Sekunden / Minuten in Hoffnung eines glücklichen Ausgangs erlebt haben.
    Ich selbst bin Paddler der 'mäßigen Kategorie' mit Grenze WW III, doch kann ich mitreden, besonders welche Unerbittlichkeit das Wasser produziert.
    Selbst kam ich 2 mal in sehr bedenkliche Situationen, davon eine in selbst verschuldete Lebensgefahr (Schrägwalze). Mir war danach das Kajak-Fahren für 3 Jahre vergangen.
    Auch ich verabscheue aufreißerische Berichte von sog. Journalisten, die meist nicht mal richtig lesen oder schreiben können (am Unfallauto steht FIAT Panda, im Bericht FIAT Punto) und alles besser wissen.
    Genaue Analyse dieses Unfalls ist erforderlich, jedoch wie ich diese Darstellung lese, bleibt das geringe Restrisko, dem sich jeder unterwirft, wenn er ein sportliches Abenteuer unternimmt.
    So wie ich dies sehe, haben alle Kameraden von Anbeginn das Richtige unternommen - und dies ist wirklich ein Schickssals-Ereignis.
    Bleibt gesund und seid beschützt von weiteren negativen Ereignissen.

  6. TrustedPaddler
    Volker Wegnervor 8 Monaten

    Der meiner Meinung nach wichtigste Appell fehlt leider: Eine Gefahrenstelle in Abwägung der Fähigkeiten im Zweifelsfall lieber NICHT zu paddeln. Im Bericht scheint ja deutlich zu werden, dass es bessere Paddler gab, die vorfuhren und sicherten, sowie schlechtere, welche dann in die gesicherte Stelle fuhren. Es wird immer gerne vom Restrisiko gesprochen und auch ich tue dies, aber Risiken werden sehr gerne auch ausgeblended, und zwar nicht nur von Anfängern, sondern auch von Fortgeschrittenen, Übungsleitern, und ganz besonders von Profis.

  7. TrustedPaddler
    Volker Wegnervor 8 Monaten

    Der meiner Meinung nach wichtigste Appell fehlt leider: Eine Gefahrenstelle in Abwägung der Fähigkeiten im Zweifelsfall lieber NICHT zu paddeln. Im Bericht scheint ja deutlich zu werden, dass es bessere Paddler gab, die vorfuhren und sicherten, sowie schlechtere, welche dann in die gesicherte Stelle fuhren. Es wird immer gerne vom Restrisiko gesprochen und auch ich tue dies, aber Risiken werden sehr gerne auch ausgeblended, und zwar nicht nur von Anfängern, sondern auch von Fortgeschrittenen, Übungsleitern, und ganz besonders von Profis.

  8. TrustedPaddler
    Volker Wegnervor 8 Monaten

    Der meiner Meinung nach wichtigste Appell fehlt leider: Eine Gefahrenstelle in Abwägung der Fähigkeiten im Zweifelsfall lieber NICHT zu paddeln. Im Bericht scheint ja deutlich zu werden, dass es bessere Paddler gab, die vorfuhren und sicherten, sowie schlechtere, welche dann in die gesicherte Stelle fuhren. Es wird immer gerne vom Restrisiko gesprochen und auch ich tue dies, aber Risiken werden sehr gerne auch ausgeblended, und zwar nicht nur von Anfängern, sondern auch von Fortgeschrittenen, Übungsleitern, und ganz besonders von Profis.

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